Mein erstes Mal im Wein-Aromenzirkus

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Wie kam ich, weiblich, 19 Jahre alt, überhaupt dazu, an einer vornehmen Wein-Verkostung teilzunehmen? Zufall. Und irgendwie auch Schicksal. Ein Freund arbeitet bei einer Weinfirma und hat mich eingeladen. Ich solle vorbeischauen, meinte er.

Also schnappte ich mir eine Freundin, wir zogen uns etwas mehr oder weniger Schickes an und gingen fröhlich los. Als wir dort ankamen, in einem ehrwürdigen Kellergewölbe mit unzähligen Weinausstellern, stellte sich heraus, dass wir (hoppla) eher weniger schick angezogen waren. Und vor allem, dass wir, was das Alter und das Geschlecht anging, nicht wirklich dort hinpassten. Oder es sich nicht so anfühlte.

Irgendwie gehörten wir da nicht hin …

… oder noch nicht? Jedenfalls  ließen wir uns unsere erste Weinverkostung nicht entgehen, Neugierde und eine jugendliche Behauptungsattitüde sollte uns zugestanden sein! Also schlenderten wir durch die verschiedenen Stände und wurden mit Weinen und derer Herkunft bekannt gemacht. Und deren einzelner Duftnoten wie Leder, Pfeffer oder diversen Beeren, mehr oder weniger exotischen Früchten und (hört, hört!) Floralem. Anscheinend kann man die ab einem bestimmten Alter hervorragend rausschmecken. Und einteilen, in Primär-, Sekundär- und verrückterweise auch Tertiäraromen.

Also probierte ich, schwenkte fleißig mein Glas, gefüllt mit den unterschiedlichsten Weinen, ließ den mehr gelobten als getrunkenen Nektar auf meiner Zunge wandern, versuchte, die angeblich sehr prägnanten Noten des Weines herauszuschmecken. Ohne jeden Erfolg, ehrlich! Nein im Ernst, schmeckt man so etwas wirklich oder ist das einfach nur Einbildung? Nun gut, es würde werden, dachte ich tapfer.

Zu meiner Verwunderung stand auf jedem dieser mit weißen Tischtüchern bezogener Tische ein silberner Eimer. Ich schaute ganz verdutzt meinen Freund an und hakte verwirrt nach, was der Sinn und Zweck dieser Eimer sei. Er erklärte mir, diese seien da, um den Wein auszuspucken, falls dieser nicht schmecke. Und vor allem, dass man nicht all zu betrunken von den vielen verschiedenen Weinen würde.

Ich war verwirrt. Wein ausspucken – Verschwendung pur!

Zum einen sind die angebotenen Weine viel zu teuer, um sie einfach in einen silbernen Spucknapf zu spucken und vor allem … wo bleibt das Vergnügen, wenn man hier nicht leicht beschwipst von Stand zu Stand taumeln kann?

Das mit dem Spucknapf ließ ich gerne sein.

Männer in teuren Schuhen zwischen 40 und 60 Jahren

Ich vermute, unser gespieltes Wissen kaufte uns in diesem Keller niemand ab. Verwunderlich war das nicht. Trotzdem fühlten wir uns recht gut beherbergt. Wir waren zwei junge Frauen, welche nicht unbedingt ein Verständnis für Alkohol besaßen – und wie wir waren etwa 20 bis 30 Jahre unter dem Altersdurchschnitt. Außerdem kämpften wir noch mit den … Aromen. Im Weinkeller befanden sich hauptsächlich Männer zwischen 40 und 60 Jahren in straff anliegenden Anzügen, Gel im Haar, polierten Schuhen und alle mit gefülltem Weinglas in der Hand.

Ich muss gestehen, trotz des sehr guten Weines und erst leicht angetrunken, fühlte ich mich fehl am Platz.

Ist eine Weinverkostung generell nur ein Ort für ältere Menschen? Männer? Ein Elefantenfriedhof mit Spucknäpfen? Gibt es ein Alter, eine Reife, wie die der Weine, die man zuerst erreichen muss, um sich auf einer Weinverkostung nicht fehl am Platz zu fühlen?

Ich muss ebenfalls gestehen, in meinem Umfeld sind Weinverkostungen kaum ein Thema. Sind wir Leute um die 20 Jahre einfach keine Weintrinker?

Viele meiner Freundinnen trinken sehr wohl gerne Wein. Zugegeben, wir schauen meistens nur auf das Etikett. Ich mag den mit der hübschen Flamecotänzerin drauf. Er kostet auch nur Paar Euro. Ehrlich gesagt, können wir uns (noch) schlichtweg keinen teuren Wein leisten. Vielleicht sind in primärklassigen und primärpreisigen Weinen auch nur Primäraromen drin?

Ist Wodka der Wein für die Jugend?

Uns jungen Menschen geht es primär um das Preis-Leistungsverhältnis. Mit Leistungsverhältnis ist hier nicht der Geschmack der Sekundäraromen gemeint, sondern wie beschwipst bin ich nach möglichst kurzer Zeit, nichts anderes.

Wir, Leute um die 20, sind sicher die ungeduldigen Trinker. Das steht uns auch zu.

Wir dürften uns aber auch eine kleine Scheibe des Genusses der älteren Weintrinker-Generation abschneiden. Gleichzeitig wäre es auch völlig okay, den Spuckeimer, welchen ich nebenbei gesagt ziemlich widerlich finde, einfach mal weg zu lassen. Lockerer, in grösseren Anzügen und leicht beschwipst von Stand zu Stand neue Weine erkundschaften.

Irgendwann bin ich sicher alt genug, um auch eigenständig Tertiär- und vielleicht sogar Quatiäraromen zu finden. In einem Wein, der immer noch älter ist als ich, vielleicht mit einem gleichaltrigen Weinkenner an meiner Seite. Ich freu mich drauf …

… bis zur nächsten Weinverkostung! 

 

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