Melancholie vorm Schnapsladen

Das Piano fängt einen sofort ein, könnte von Elton John sein, klingt mindestens so getragen wie die Balladen über Marilyn und die kleine Tänzerin. Irgendwie hört sich das Klavierintro, das ich gerade höre, aber bestimmter an und spätestens als der Sänger einsteigt, wird mir klar, dass ich dieses Lied noch nie gehört habe. Und dass ich jetzt einen Ohrwurm mehr habe. Es geht um einen Mann und eine Frau und um einen Schnapsladen.

Liquor Stores haben wir ja so eigentlich nicht in Deutschland. Schade, man kennt sie aus den amerikanischen Roadmovies und den Musikvideos und sie haben immer denselben Charakter. Hell erleuchtet und recht nüchtern eingerichtet, ungemütlich, man soll sich nicht zu lange darin aufhalten. Sie machen grell und meistens mit Neonschilden und -schriften auf sich aufmerksam und haben große Fensterfronten. Sie öffnen spät und wenn das Geschäft losgeht, ist es meistens dämmrig oder dunkel. Die Zielgruppe bestimmt ganz klar den Auftritt und die Öffnungszeiten.

In Deutschland gibt es auch Geschäfte, die sich auf Spirituosen oder Wein spezialisiert haben, aber unsere Liquor Stores sind ganz klar die Berliner Spätis. Gekühlte Biere und Weine, meistens einfache Qualität, allen voran das beliebte Sternburg, stehen in den Kühlschrankreihen. Die Schnapsauswahl ist auch eher für den Wirkungstrinker gedacht als für den Connaisseur. Dazu gibt es Chips, Fertiggerichte und Eis. Und weil der Berliner gerne das erste Bierchen, das er sich holt, vor Ort verzehrt, stehen gerne ein oder zwei Bierbänke vor dem Späti oder ein paar zusammengezimmerte Europaletten, die mit 2-3 Ikeakissen eine Couch ergeben.

I wasn’t a catch, I wasn’t a keeper,

I was walking around like I was the one who found dead John

Cheever. Hand in glove.

Spätis haben keine Namen. Manchmal steht zwar einer draußen an der Fassade, aber man geht entweder einfach nur zum Späti oder zu dem Betreiber. Mein Lieblingsspäti liegt nicht in einem der Szenebezirke Friedrichshain oder Neukölln, er ist in Charlottenburg in einer der kleinen Stichstraßen zum Kurfürstendamm. Ich gehe zum Späti oder zu Orhan. So heißt der junge Mann, dem er gehört, oder zumindest, der immer drin steht.

Späti, Spätkauf

Zwar kann man in der ehrwürdigen City West nicht wahllos Palettendiwans auf den Bürgersteig schleppen, aber für einen kleinen Liegestuhl mit dem Logo eines Biolimoherstellers reicht der Platz und die Geduld des Ordnungsamts. In der richtigen Stimmung lasse ich mich da manchmal nieder. Sich mich im Hoodie und mit Double Corona vorzustellen schaffe ich selber nicht, aber wenn der Himmel tief hängt, kurz vor dem Sommergewitter, wenn die Häuserwände noch die Hitze des Tages gespeichert haben, dann rauche ich schon mal eine Fast-Zigarre und genehmige mir ein Sternburg.

You’d fall into rivers with friends on the weekends,

innocent skies above.

Carin at the liquor store, I can’t wait to see you

Was mir an der Spätikultur in Berlin gefällt, ist die Leichtigkeit und die Unbedarftheit des Geschehens. Wir brauchen in Berlin keine braunen Papiertüten, um die Flasche zu verstecken. Ob wir Underberg, Mate-Limo, Sternberg– oder Craft-Bier trinken – es geschieht im Späti, vorm Späti oder um den Späti herum. Aus der Flasche natürlich und niemand stört sich daran. Ich nehme einen eiskalten Schluck Bier und sehe mir die Szene an:

Der Spätibetreiber bringt seiner Freundin mit Engelsgeduld die neue Kasse bei und die beiden Stammgäste, die immer auf der selben Bierbank sitzen, sind so tagesblau wie immer. Ein paar Jugendliche drücken sich an der Ecke rum und zwischendurch riecht es wunderbar nach Gras. Seit sie wissen, dass mein Hund nicht auf Drogen abgerichtet ist, mögen sie mich. Auch wenn ich ohne Hund unterwegs bin. Ich krieg den Song nicht aus dem Ohr, das Piano am Anfang, den einfühlsamen Gesang und ich lasse mein Telefon den Song nochmal spielen.

It wasn’t so bad, I wasn’t that sick.

Got taken by love, I wasn’t that quick.

Foregone conclusion

Es stört hier keinen, Carin at the Liqour Store tönt halb laut aus meinem Smartphone, Orhans Carin steht verwirrt an der Kasse, die Trinker trinkend, die Jungs kiffend am Eck und ich meinen Zigarillo paffend im Liegestuhl. Ich, mein Bier trinkend, leise mitsummend. Ab und zu kommt ein zu lauter Maserati vorbei, der sich vom Ku’Damm weg verfahren hat, ich halte das Telefon ans Ohr, bis er zurück auf den Prachtboulevard gefunden hat, wo er hingehört.

Gegen die untergehende Sonne blinzelnd hetzt ein später Immobilienmakler im Anzug, neidisch auf mein kaltes Bier schielend. Das schmeichelnd weich zerfetzte Gitarrensolo klingt, als käme es aus einer sonnendurchfluteten, gerade geleerten Whiskyflasche. Irgendwie reibt es sich an den stoischen Drums. Es ist zu kurz für meinen Geschmack und ich lasse die Stelle ein paar Mal laufen, auch das stört keinen.

Schöne Nummer, denke ich immer wieder, der Songwriter hat sich echt im Schnapsladen verliebt. Zum Verlieben ist hier keiner. Passiert sicher auch mal, aber dafür sind eigentlich weder Liquor Stores noch Spätis gemacht worden. Alle 11 Minuten verliebt sich jemand bei Orhan? Ganz sicher nicht, nicht mal alle 11 Tage oder Wochen. Wenn ich mich bei Orhan verlieben würde, würde ich allerdings auch ein Lied drüber schreiben.

 

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