Mit Riesling im Zirkus in Wien

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Dreiminutenirgendwas.

Die zweiwöchentliche Mittwochskolumne um Drinks und Musik, die sich ungefähr so lange liest, wie das Lied, um das es sich gerade dreht.

https://www.youtube.com/watch?v=Bj5OyjnE8Jw

Grundsätzlich trifft es mich wie ein Schlag ins Genick, wenn ich ein Lied höre, so ein bestimmtes. So eins, von dem er weiss, dass es ihn von diesem Zeitpunkt an für den Rest meines musikalisch unbegabten und doch dazu determinieren Lebens begleiten wird. Oder eins, dass ich schon seit langem nicht mehr gehört habe und das schon mal »magic« war.

So neulich im Zirkus. Ja im Zirkus, Zirkusvarieté. Ohne Tiere, ohne bärtige Frauen, kalte Füße und den Geruch feuchter Sägespäne. Der hat mir ein bischen gefehlt, allerdings. Die armen Viecher und die kalten Füß nicht. Viel getragene Tanzartistik, Phantasieuniformen und ein Spiel aus männlicher Kraft, weiblicher Eleganz, Takt und Musik. Dazu am Tisch servierte Antipasti und Wein. Wer braucht Popcorn? Wer braucht Cola, wenn es Rieslinge wie Magic Mountain von Josef Leitz gibt? Als ein Klavierintro mir vorwurfsvoll ins Ohr flüstert, ich hätte schon viel zu lange nicht mehr Billy Joel gehört, beginnt eine junge Schönheit sich am Trapez um sich selbst zu wirbeln, erst langsam, dann greife ich zum Glas Riesling.

Slow down, you crazy child you’re so ambitious for a juvenile

Ist sie, juvenile. Inzwischen auf ungefähr 4 Metern Höhe und verdammt juvenile wirbelt sie da rum, so, dass ich als erprobter Adrenalinjäger feuchte Hände bekomme und dringend einen Schluck Magic Mountain brauche und mir Entschleunigung wünsche. Ich spüre Säure und Frucht des Rieslings und nehme noch einen Schluck. Woher kenne ich das Lied? Ich habe es gehört, als ich vor Jahren manisch Irving gelesen habe. Bären und bärtige Frauen, Huren und Familientragödien. Freud, Jung, Wein und die Suche nach Stillstand, während sich alles dreht. Und Billy Joel, er kann auch langsam und schnell.

… that you can get what you want or you get old

Irgendjemand hat mal versucht, mir zu erzählen, dieses Lied wäre Vorbild oder Kopie für Billy Joels großen Hit: New York State of Mind. Ich beisse mich ja auch manchmal an Ideen fest. Meistens sind das nicht meine hellsten Momente.  Also, guter alter Freund, trink ein Glas Riesling mit mir und besinne Dich. Lass Billy singen, die Dame am Seil und wir beide streiten nicht sondern drehen uns im Aromenrad von Aprikose und Passionsfrucht. Und sei gefälligst still, wenn ich mit Dir Musik höre!

… and take the phone off the hook and disappear for a while

It’s all right, you can afford to lose a day or two … Die Sehnsucht liegt im Vergangenen, in vergangenen Chancen. Jedes mal, wenn Du das Telefon nicht abgehoben hast, hast Du einen Trip – nach Wien? – versäumt. Jedes Mal, wenn Du eine Nummer nicht gewählt hast, hast Du eine junge Frau im Zirkus am Tanzen gehindert. Traurige Huren gibt es nur in Kolumbien bei Gabriel Garcia Marquéz, in Wien, da trinken sie und tanzen. Und wehe, Du kommst dem Zuhälter zu nahe. Inzwischen fliegt die Kleine an brennenden Seilen durch die Luft. Der Riesling kühlt die Kehle und die Seele, aber die nur fast.

When will you realize, Vienna waits for you?

Als ich nach Hause komme, bin ich immer noch in a »Vienna state of mind«. Mehr kalter, trockener Riesling muss her und ich drehe mich unter allen hellen Lampen, die ich finde. Manege. Zirkus. Wann hat der werte Leser das letzte Mal versucht, ein Glas Wein im Handstand an der Wand zu trinken? Verwenden sie bitte nur Wände zu ebenso betrunkenen Nachbarn. Trinken Sie Magic Mountain aus großen Gläsern, dann funktioniert es. Und wenn sie sich an den Fussabdrücken an der Wand am nächsten Morgen stören sollten, dann sollten Sie sich unbedingt sofort eine Auszeit gönnen.


 

Ich lebe immer am Strand

Roter Riesling Verkostung

 

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