NAS-Whisky: »MATURITY – NOT AGE!«

Das Kreuz mit dem No Age Statement-Whisky

Aus. Vorbei.

Zu Ende scheint die komfortable Ära, als wir Whisky-Trinker in sattsam gefüllten Regalen mit wunderbaren Whiskies von 10, 12, 15 Jahren oder gar noch älter aasen durften. Uns quasi blindlings auf der vermeintlichen Qualität des Alters ausruhen konnten.

Stattdessen springen dem ratlos verunsicherten Verbraucher nunmehr eine Fülle von aufregenden, teilweise phantasievollen Namen entgegen:

Storm, Ruby, Valkyrie, An Oa, Spios, Lore, Seven Oak etc.

Gänzlich ohne Angabe von Alter?.. Das kann ja nix sein! Oder?..

Wenngleich der Verbraucher sich langsam den sogenannten NAS-Abfüllungen gegenüber schon ein wenig gnädiger zeigt als noch letztes oder gar vorletztes Jahr, – manche unterstellen der Industrie immer noch, auf diese Art unausgereiften »billigen Stoff« an den anspruchsvollen Genießer bringen zu wollen.

Amerikanische Whisk(e)y-»Experten« prophezeien gar mit der Einführung der alterslosen Abfüllungen den unabwendbaren Untergang der Whisky-Kultur.

Die Entwarnung.

Entspannung ist angesagt. So drastisch ist die Lage bei weitem nicht!

Zunächst einmal ist die Etablierung von NAS-Abfüllungen in der Core-Range kein Thema jüngster Zeit. VerfolgtGlenlivet »Unblended Scotch Malt Whisky« 80% Proof, ca. 1950 man die Historie namhafter, großer Destillen, so wird man feststellen, dass dies bereits in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durchaus erfolgreich praktiziert wurde.

Beispiele:

  • Glenlivet »Unblended Scotch Malt Whisky« 80% Proof, ca. 1950
  • Glenlivet »Export unblended all Malts«, Baretto Milano, späte 1960er bis 1970er Jahre
  • Glen Grant NAS Eighties Bottling
  • Glenfiddich »Special«, 1950

Glen Grant NAS Eighties BottlingZugegeben, der Zuwachs an NAS-Whiskies steigt seit einiger Zeit beständig an. Diese Tatsache lässt uns mit Recht kritisch hinterfragen, warum es sich so verhält.

Nein, es ist nicht primär das Bestreben der Größen der Branche, den bedachten Genießer mit minderwertiger »Plörre« abzocken zu wollen. Vielmehr ist es die seit Jahren weltweit überproportional ansteigende Nachfrage nach dem »Wasser des Lebens«, sei es als Single Malt oder auch als Blend.Glenfiddich »Special«, 1950

Und sicherlich ist der Vorrat der Whiskies höherer Alterszahl nicht unerschöpflich, gab es doch auch manchmal Jahre, in denen der Produktionsauswurf einiger Destillerien relativ gering war.

Um seitens der schottischen Destillerien auf dem Weltmarkt weiterhin stark präsent zu bleiben und den Cashflow zu erhalten, der das Bestehen sichert, muss tatsächlich bei den neueren Kreationen der Masterblender auf jüngere Fässer zurückgegriffen werden.

Hier zeigt sich nun die Schwierigkeit: aus der Sicht vieler Feinschmecker im Bereich Whisky scheint quasi alles, was nicht mindestens 10 Jahre im Fass geruht hat, qualitativ minderwertig zu sein!

Das Credo lautet häufig »je älter, umso besser«

Logische Konsequenz, um dem Unbill gegenüber »jungen« Whiskies (was auch immer man als jung bezeichnen möge) entgegenzuwirken, ist das bewusste Verschweigen des Alters.

Bei »exotischen« Whiskies aus anderen Ländern haben die NAS-Abfüllungen oftmals andere Hintergründe: Jüngere Destillerien, die einfach noch nicht auf alte Fässer zurückgreifen können (G.A.S, Schweden, Frankreich, Finnland etc.), verkürzte Reifezeit aufgrund klimatischer Verhältnisse (Indien, teilweise Taiwan) und ein plötzlicher sprunghafter Anstieg der Nachfrage (Japan, teilweise Irland). Hier scheint der Verbraucher eher gnädig zu sein, was das Alter betrifft. Die Neugier siegt manchmal über den Zweifel.

Zum Prozess des Blendings

JEDER Whisky – wenn es sich nicht gerade um eine Einzelfassabfüllung (»Single Cask«) handelt – ist immer eine Mischung (»Vatting«) verschiedener Fässer. Bei einem Single Malt entstammen die Fässer eines Whiskytyps aus einer Destillerie, bei einem Blend aus mehreren Destillerien und auch mit Zugabe von Grainwhisky.

Der Job eines Masterblenders ist nun, einen uns vertrauten Standard Whisky XY mit Altersangabe von XY Jahren über die Zeiten hinweg so zu komponieren, wie es unserem Anspruch als Whiskytrinker entspricht und zwar aus den Fässern, die nun eben gerade verfügbar sind. Diese Fässer entstammen keineswegs einem einzigen Jahrgangs – es kommen jüngere, aber auch ältere Fässer zum Einsatz.

Die Crux dabei: Es gibt eine gesetzliche Regelung der SCOTCH MALT ASSOCIATION, dass bei diesen Vattings immer das jüngste Fass ausschlaggebend für die Altersangabe ist. Und dabei bleibt es unbedeutend, wie hoch der prozentuale Anteil des jüngsten Whisky ist – sei es nur ein Teelöffel.

Nun ist Whisky ja auch ein Naturprodukt, welches den natürlichen Schwankungen und klimatischen Umständen während Produktion und Reifung unterliegt. Somit ist auszuschließen, dass ein Fass mit beispielsweise 10 Jahre altem Whisky XY aus dem aktuellen Jahr genau dieselbe Qualität aufweist, wie ein Fass XY 10 Jahre aus den vergangenen Produktionsjahren.

Somit ist es die Aufgabe eines Masterblenders, jedes Batch seines Whiskies erneut zu kreieren. Und nun darf der Single Malt XY mit der Altersangabe 10 Jahre nicht ein Fitzelchen eines jüngeren Whiskies enthalten, ältere aber sehr wohl. Ergo ist man dort gezwungen, immer wieder mehr und mehr auf ältere Bestände zurückzugreifen, um die bekannte Qualität und Geschmacksstruktur zu erhalten, und diese älteren Bestände schrumpfen.

NAS bietet mehr

Die Möglichkeit eines NAS-Whiskies bietet sehr viel mehr Spielraum: Der Masterblender kann sich beispielsweise auch an jüngeren Destillaten bedienen, um seiner Komposition einen gewissen Drive oder auch die perfekte Abrundung zu verleihen.

Talisker whisky, Nest pointAls populäres Beispiel, was »NAS« alles bedeuten kann, verweise ich an dieser Stelle gerne auf die Talisker Abfüllung Neist Point: Eine wunderbare, grandios harmonische Komposition aus 25-jährigen Fässern mit einem guten Anteil »jüngerer« Fässer, welche einen authentischen und sehr gut ausbalancierten Talisker hervorgebracht hat.

Das beständige Beharren von uns, manchmal gar so ungnädigen Genießern, auf der Altersangabe und das zeitgleiche, konsequente Ablehnen von allem, was nicht mindestens 10 Jahre Reifung erfahren hat, könnte irgendwann zu einem Ressourcen-Problem eskalieren. Daher sind NAS-Whiskies eine interessante Alternative, um die prekäre Lage in den Warehouses zu entspannen und Stocks älteren Spirits zu regenerieren.

Was würde passieren, wenn wir unser hohes Ross des exquisiten Anspruchs mal mutig verlassen und uns mal den »jungen Dingern« hingeben? Wir würden erstaunt feststellen, die Jugend wartet bisweilen mit einer überraschend hohen Qualität und großem Geschmacksvolumen auf – und das gar nicht mal so selten!

Wie Ronnie Cox schon sagte: »Maturity – Not Age«

Es zählen bei der Reifung nicht nur die Jahre, sehr bedeutsam ist natürlich auch die Qualität der Fässer, die es zu befüllen gilt.

In früheren Zeiten, als die Verwendung von mehrfach wiederbefüllten Fässern (multiple Refill Casks), tatsächlich das Destillat zu einer längeren Reifezeit, 10 Jahre plus, zwang, wird heute seitens der Whiskyproduzenten die Verwendung »frischer« Fässer angestrebt: Virgin Oak, Fresh oak, first fill Sherry, X-Wine Casks, stark ausgekohlte Fässer. Die Möglichkeiten sind sehr vielschichtig.

Skeptiker vermuten hinter einem solch ausgeklügelten Cask Management wiederum die Maskierung von minderwertigen Destillaten. Das mag ja in Einzelfällen auch schon vorgekommen sein. Und hier rufe ich die Worte von Dr. Bill Lumbsden (Distilling Director, Glenmorangie) ins Gedächtnis:

»Der Ausgangspunkt ist guter Spirit. Wenn Du das hast, brauchst Du gutes Holz und dann hast Du eine Reihe von guten Aromen zur Verfügung«.

Also, von nichts kommt nichts!

Wie erfolgreich Bill Lumbsden mit dieser Philosophie fährt, zeigen die jährlichen Sonderabfüllungen der Private Cask Edition der vergangenen nunmehr 9 Jahre – allesamt NAS, allesamt heißbegehrt und fast immer ad hoc ausverkauft, weil von hoher Qualität und einfach sehr, sehr lecker.

Duncan Taylor, eine Ikone unter den independend Bottlers aus Huntly in Schottland, strukturiert teilweise den Reifeprozess ihrer Destillate durch den Einsatz von Octave-Fässern mit ca. 50 Liter Volumen.

The Octave by Duncan TaylorDas »Finishing« in solch kleinen Fässern ermöglicht durch den intensiven Holzkontakt eine wesentlich schnellere Reifung. Das beeindruckende Ergebnis zeigt die spannende »Octave«-Linie Duncan Taylors mit vielen jüngeren Abfüllungen.

Schlussendlich begegnet uns mit den NAS-Bottlings eine neue Generation von Whiskies, die dem offenherzigen Genuss-Trinker durchaus sehr viel Spass bereiten kann, wenn man sich auf sie einlässt. Denn darum geht es doch in erster Linie, Spass und Genuss.

Egal wie, »chacun á son gout«, meine Lieben!

Für alle noch mal ein paar Fakten zur Entwarnung:

Die Whisky-Industrie reagiert seit einigen Jahren auf den stetig steigenden Bedarf auch auf einem anderen Sektor, indem viele namhafte Destillerien mittlerweile immens aufgestockt, ausgebaut und somit ihre Produktionsvolumen vervielfältigt haben. Als Beispiel Glenlivet mit 4 weitern Stills. Was sich derzeit bei dem massiven Ausbau der Macallan-Destillerie tut, spricht seine eigene deutliche Sprache.

Es kommen neue, im großen Stil produzierende Destillen hinzu, z.B. Dalmunach und – last but not least – wir werden sicher nicht in der Woge der NAS-Whiskies ertrinken!

Derzeit steht der Anteil der NAS-Bottlings in Schottland mit ca. 43% gegenüber der Whiskies mit Altersangabe mit rund 57% in der Unterzahl (Quelle: Karl Rudolf, 08/2015)! Wer weiß, ob sich die Lage nicht schon wieder bald entspannt?..

Alles bleibt gut. Für jeden Genießer. Slainthè!

 

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