Oh wunderbare Völlerei mit Sommercocktail

Oder: Italienische Indianer 

Italien, im bergischen Land der Marche. Irgendwo weg von jedem Dorf ein kleiner Bauernhof mit 20 Kühen, zwei Pferden, Hühnern, einem Esel, wildlaufende schwarz-weisse schnelle Schweinchen, ein paar Kanninchen. Kleine Felder, da wächst alles, was man sonst noch zum Leben braucht von Salaten, Gemüse und Korn. Ein wunderbarer grosser Brotofen, mit Holz wird er eingeheizt. Da backen jetzt 15 Brote, in einem Korb daneben steckt schon eine andere Ladung – knusprig, braun, fertig.

Es ist Mai, alles grünt und spriesst, die Buschrosen weiss, rot oder rosa duften herrlich. Gigia und Carlos laden ein zum 22. Fest ihrer Liebe. Ihren kleinen Bauernhof bewirtschaften sie allein – ab und zu kommt mal der eine oder andere Volontär aus Australien, Kanada oder Cornwall. Und eh gibt es immer Gäste – so bleibt man mit der Welt verbunden.

Gefeiert wird von Donnerstag bis Sonntag

»POLITIK MACHT MAN NICHT – MAN LEBT SIE, DIE FREIHEIT, DIE WIR MEINEN«, sagt Gigia. Carlos nickt. Gelebt wird Fülle. Bewussstes Null-Wachstum, dafür Zeit für das Land, die Tiere, das Zubereiten der Nahrung. Für Gäste, zum Kochen, zum Teilen. In diesen Tagen ist alles umsonst.

Das Fest fängt am Donnerstag an und endet Sonntag Nacht. Am Donnerstag sind wir um die 10 Menschen, die den ganzen Tag kochen, Wein trinken und essen. Am Freitag sind wir abends schon fast 30, die neben Kochen, Braten, Backen, Essen und Wein trinken noch ein grosses Zeltdach aufstellen nebst einer langen Tafel. Aber was da gegessen wird! Alle Zutaten vom Garten, vom Feld, so frisch. Ein Schaf wird geschlachtet, ein Schweinchen, eine Kuh. Carlos macht Wurst, David macht Pasteten, Luigi kocht auf zwei Feuern ein spezielles Käsegericht und Polenta in grossen Töpfen. Die wird später auf einen Holztisch gekippt und mit traditionell roten Faden geteilt.

Samstag. Alle Tische und Stühle werden aufgebaut, ein Platz für die Band. In einem grossen Topf rührt Carlos Kutteln in einer traditionellen Tomatensauce. »Die gibt es erst um 4 Uhr morgens«, sagt er vergnügt. »In dieser Nacht schläft man nicht, erst wenn die Hähne gekräht haben, so nach 6 Uhr legen wir uns kurz hin«. Nach und nach kommen die Gäste. Ein Winzer bringt zwei Fässer Wein. Der Fischer vom Dorf am Meer kommt mit Sardellen und Muscheln, und auch den Grill hat er mitgebracht. Ein lauter ernst – fröhlicher Mann mit goldenem kleinen Ohrring und bunt tätowierten Armen, der ab und zu sanft mit seiner 12-jährigen Tochter plaudert.

Drei Männer an drei grossen Feuern

An Spiessen drehen sich das Schaf, das Schwein, ein grosses Stück Kuh. Carlos hat ein System mit Rädchen und Riemen entwickelt samt kleinem Motor, so drehen sich die Spiesse langsam und gleichmässig. Fett tropft. Für den Grill des Fischers nimmt man Glut auf die Schippe und trägt sie eben rüber.

Immer mehr Gäste kommen mit Leckereien. Die Sonne geht unter hinter den grünen steilen Hügeln der Maque. Ich sitze mit David unter der Pergola, voll von winzigen, unreifen Weintrauben. »So viele Trauben in diesem Jahr – vielleicht sollten wir ein wenig Wein für uns machen«, sagt gerade Gigia sinnend, als in der Nähe des Feuers gejohlt und gelacht wird. Ein Mann steht vor einem regenbogenfarbenen kleinen Betonmischer. Er hat sich eine knallrote Karnevalperücke aufgesetzt und ein Minikleid angezogen, und trotz schwarzer Strümpfe und Tigerballerinaschuhen bewegt er sich ganz männlich.

Er schüttet flaschenweise Alkohol und Fruchstäfte in seine Mischmaschine, antwortet fröhlich auf Frotzeleien und hat bald einen wunderbaren Sommercocktail für die mittlerweile 200 Gäste gemischt. Die Band beginnt zu spielen – alte Songs von den Doors, The Animals, Bob Dylan, Igy Popp, Stones und wir singen mit und tanzen. Andere beginnen mit den Vorspeisen. Und so wie wir uns ein italienisches Fest vorstellen, wird es lauter und fröhlicher, man lacht und redet und ruft durcheinander, dass es eine wahre Freude ist.

Ich unterbreche den Tanz, um an meinem Sommercocktail zu nippen, der Mann in der roten Perücke tanzt mit einer hübschen jungen Frau, und die tanzende Gigia ruft lachend zu mir rüber: der ist zum ersten mal da, aber ist doch lustig, seine Cocktailmischmaschine …

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich um eins ins Bett gefallen bin … und die Kutteln erst zum Frühstück probiert habe, zusammen mit grober Leberpastete, frischem Brot und Imkerhonig, in Öl eingelegten wunderbar gewürzten Sardinen, mit … was weiss ich noch alles, und statt Kaffee trinke ich lieber ein Glas Prosecco.

 

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