Old habits die hard – Kuba in Berlin

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Dreiminutenirgendwas.

Die Kolumne um Drinks und Musik, die sich ungefähr so lange liest, wie das Lied, um das es gerade geht. Link öffnen!

Eigentlich sollte ich über Rotwein schreiben. Und über weihnachtliche Aromen von Sternanis, Nelken und Zimt. Die drei Flaschen Wein standen offen vor mir, ein deutscher Spätburgunder, ein teurer Italiener und ein fetter Südamerikaner. Die Aromen von Gans, Rot- und Grünkohl galt es, sich vorzustellen. Der Knödel allerdings blieb mir musikalisch im Hale stecken, als sich mein Musikprogramm selbständig machte und ein Lied von sich gab, welches ich schon lange nicht mehr gehört hatte und welches so gar nicht weihnachtlich tönte.

Dave Steward, schon lange den Eurythmix-Jugendtaten entkommen, und Mick Jagger, nun Mick Jagger eben, einigten sich darauf, dass alte Gewohnheiten schwer zu entsorgen sind. In dem Fall mehr als gekonnt die Gitarre klampfen und ein Herrenduett vom feinsten zu schmettern. Ich konnte mich nicht auf Sekundäraromen und Rebsortentypizitäten konzentrieren, schon gar nicht auf ein Matching mit mehr oder weniger weihnachtlichem Blaukraut. Dann schon lieber selber blau werden. Da musste etwas Härteres her als Rotwein: 10 Jahre alter Bushmills Whiskey. Irish. Ehrlich. Und Kuba!

I thought I shook myself free. You see I bounce back quicker than most.
But I’m half delirious, it’s too mysterious, you walk through my walls like a ghost. 

Einen Sommer lang lief dieses Lied hoch und runter, bei mir, bei uns, bei allen. Es war irgendwann Anfang der 2000er und meine vorerst letzten WG-Ambitionen waren am Auslaufen. Die Wohnung lag in Mitte und wurde nur »Kuba« genannt. So nennt man Wohnungen, in denen bunte Farbe von den Wänden blättert und die Kücheneinrichtung auf leeren Weinkisten basiert. Wir kamen nach langen Nächten in die Kuba-Wohnung in der Nähe der schmutzigen Torstrasse. Hier verbündeten wir uns bei einem letzten Glas Wein oder Rum gegen den Snobismus und die Sattheit weiter südlich in Berlin-Mitte, Gendarmenmarkt und Friedrichstrasse. Es war Sommer und alle Fenster waren offen und der Geruch von bezahlbaren Zigarren zog durchs ganze Haus.

Haven’t no block on my phone. I act like an addict, I just got to have it I can never just leave it alone. 

Ich nippe am Whisky. Weich und warm rinnt er meine Kehle hinab. Er schmeckt nach irischen Wiesen und Honig. Leicht süßlich und trotzdem intensiv. Holz, Sherrynoten und etwas Bourbon. Ich zünde mir eine kleine Ramón Allones an und meine Gedanken schweifen. Eine freistehende Badewanne mit Aschenbecher, in der ich rauchend und trinkend Gabriel Garcia Marquez las, während draußen der Berliner Asphalt den Touristen gehörte. Heute kommt es mir vor, als hätte ich damals an meinen freien Tagen nur auf den Sonnenuntergang gewartet. Unser Haus hatte kein Vorderhaus, es war im Krieg zerstört und nie wieder aufgebaut worden. Im Hof standen wilde Bäume und ein Schaukelstuhl und von der Straße aus sah es aus wie eine Zahnlücke. Cuba eben.

Old habits die hard, old soldiers just fade away. Old habits die hard, hard enough to feel the pain.

In meinem Zimmer hing die Hängematte, eine Doppelhängematte aus Venezuela. Marquez schreibt, man könne in der Hängematte Liebe machen und wir haben es versucht. Der Bushmills drückt ein wenig in der Kehle, als ich den nächsten Schluck nehme, und ich streife die Asche der Kubanerin ab, um auf andere Gedanken zu kommen. Der Sommer war ein Summer of Love, so wie es nur seltene Sommer gibt. Verkündet hatte das einer aus der WG. Und wir taten alles, damit es einer wurde. Im Herbst danach zog ich in einen Neubau mit Terrasse und das Haus Nähe Torstrasse wurde verkauft und saniert. Die Zahnlücke geschlossen. Dort befindet sich heute ein Gitter aus poliertem Edelstahl mit Security-Code-Display. Man hat aber einen guten Blick auf den Zen-Brunnen aus Waschbeton im Innenhof ohne Schaukelstuhl und Bäume. Ich wohne heute in Charlottenburg, Altbau mit Balkon und Hängematte.


 

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