Die faszinierenden Abgründe der Patricia Highsmith: 1921 – 1995

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Das Leben ist ein Alptraum, ein tiefdüsterer Scherz, dem zu entkommen sie sich ohne Erfolg Mühe gegeben hat. Die Verwechslungen und Verwirrungen des eigenen Daseins werden, kaum kaschiert, in bitterbösen Verwechslungsspielen nachgezeichnet. Nichts ist, was es zu sein scheint. Skrupel- und gnadenlos verwahrlosen intelligente Charaktere, schleppen sich mit eigener Kraft in psychologischen Sümpfen durch saugenden Schlick. Triumphieren: bloss, um zu merken, dass das eigene, böse Ich jedem Versuch trotzt, in etwas Reines, Schönes, Gutes zu entkommen. Chancenlos. Der Triumph krönt sich mit Verachtung gegenüber den Verlierern, mit unentrinnbarem schlechten Gewissen, mit Verbrechen, welches sich zu lohnen scheint und dennoch, jedem Glück abhold, den eigenen Untergang beschleunigt.

Die junge Frau, die an der Kasse eines Warenhauses, Spielzeugabteilung, versucht, sich das Geld zu einer Psychoanalyse nebenbei zu verdienen.

Hauptsächlich schreibt sie. Die eigentliche Berufung, das eigentliche Talent beugt sich widerwillig den banalen, täglichen Anforderungen. Sie ist lesbisch, wehrt sich dagegen, will »normal« sein. Sie raucht und trinkt im Übermass und schön ist sie doch. Zumindest damals, in ihren Zwanzigern. Als sie eine ihrer ersten Kurzgeschichten veröffentlicht, geht sie zu einem befreundeten Fotografen und lässt eine Serie Aktbilder von sich machen. Jemand hat später diese Bilder mit Aktfotografien von Jane Birkin verglichen. Ein Zitat liest sich wie ein Kommentar zur Genderdiskussion der heutigen Zeit: »Ich bin das lebende Beispiel eines Jungen im Körper eines Mädchens.« Ihre Kleidung ist burschikos: Jeans, weisse Hemden, Slippers.

Start ins Bodenlose

Der erste Roman von Patricia Highsmith, deutscher Titel »Fremde im Zug« wurde kurz nach dem Erscheinen von Alfred Hitchcock verfilmt. Es lohnt sich, diesen faszinierenden Schwarz-Weiss-Film anzuschauen. Gänsehaut garantiert.

Sie verliebt sich, unglücklich und voller Angst, und als es nicht klappt, scheut sie sich nicht, das vormals angebetete Objekt der Begierde als »typisch jüdisch« zu deklassieren. Empathie war ihr fremd, das zerstörte Europa der späten 40er und 50er Jahre bereiste sie kommentarlos. Gleichgültig gegenüber den alltäglichen Katastrophen der Welt. Der Pfahl im eigenen Fleische bleibt Dreh- und Angelpunkt.

Es erscheint Buch um Buch, Erfolg folgt auf Erfolg. Sie lebt in New York, Frankreich, reist um die Welt. Sie, die das Rampenlicht weder sucht noch braucht, bleibt in ihrer Person gefangen.

Kaum Raum zum Glücklichsein.

1988 flüchtet sie vor der französischen Steuer in die Schweiz. Mehr als 40 Jahre nach den ersten Bestsellern, ist sie kaum noch wiedererkennbar. Sie wirkt wie eine misstrauische, alte Kriegerin. Tiefe Furchen im Gesicht und ein Blick in die Kamera würde diese wohl zerstören. Sie baut sich in dem Bergtal, das von der wildschäumenden Maggia durchspült wird, im Tessin, ein kaltes, abweisendes Haus. Keine einzige Blume im Garten. Soziale Kontakte sind ihr lästig. Mit den Nachbarn liegt sie im Streit, hat einen hohen Zaun um ihr Grundstück gezogen. Hier lebt sie allein. Letzte Station eines Literatenlebens, von Katzen und Schnecken umgeben. Sie lebt von Scotch und Bier, Milch, Hering und Spaghetti, das essen die Katzen auch.

Der freie Fall

Patricia Highsmith ist eine der erfolgreichsten Autorinnen, ein Superstar ihrer Zeit. Ihre Bücher werden in dutzende von Sprachen übersetzt, weltweit gelesen, verfilmt, besprochen, kommentiert. 1991 wird sie als mögliche Nobelpreisträgerin genannt. Geld ist genug da. Doch prunken tut sie damit nicht, eher neigt sie zum Geiz. Zu ihren seltenen Restaurantbesuchen lässt sie sich einladen, schaufelt die Reste in Pastiktüten, nimmt sie mit »für die Katzen«. Noch schreibt sie, allerdings lassen sich die Seiten pro Tag an einer Hand abzählen. Depressionen und Alkohol bremsen jede kreative Tätigkeit. Zwar sagt sie noch 1974 in einem Interview:

» … nehme ich gerne ein paar Drinks. Dann denke ich, es ist stimulierend. Alkohol fördert die Imagination, man sieht die Welt auf etwas andere Art, das kann nützlich sein, interessant …«

Zeitlebens liegt sie auch in einer fatalen Auseinandersetzung mit Mary, ihrer Mutter. Man beleidigt sich per Post. Vorwürfe ohne Ende, gegenseitige Beschuldigungen, unnützes Abschleifen der eigenen Kräfte mit sinnlosen Anstrengungen, recht zu haben, den anderen ins Unrecht zu setzen.

Und doch ist Patricia Highsmith eine literarische Sensation. Ihr unfehlbarer Sinn für das Unmögliche im Möglichen, ihre mit der Kaltnadel gezeichneten Charakterstudien, ihre aberwitzigen, skurrilen und doch nachvollziebaren Verwerfungen einer öden Normaltät sind atemberaubend.

Man sollte ihre Bücher tagsüber lesen. In einer freundlichen Umgebung. Sonst wird einem am Ende die geblümte Seidentapete im Grand-Hotel zum grausligen Abbild verlogener Freuden, und der gute Scotch im Glas, das Eis ist längst geschmolzen, kriegt einen bitteren Beigeschmack.


Biografie von Joan Schenkarhttps://i0.wp.com/www.booknerds.de/wp-content/uploads/2015/05/joan-schenkar-die-talentierte-miss-highsmith.jpg?ssl=1,

Gebundene Ausgabe: 1072 Seiten

Verlag: Diogenes; Auflage: 2 (9. Februar 2015)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3257068980

ISBN-13: 978-3257068986

Originaltitel: The Talented Miss Highsmith

 

Der Schneckenforscher / Erzählungen

Patricia Highsmith

Taschenbuch: 288 Seiten

Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (20. Dezember 2004)

ISBN-10: 3257234236

ISBN-13: 978-3257234237

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