Peaky Blinders

Eine Liebeserklärung von einem, der nicht einfach nur auf die nächste Staffel wartet.

Die Peaky Blinders Fan Gemeinde wartet auf Staffel Fünf. 2019 soll es soweit sein, und – God forbid! – das Gerücht kursiert, dass nach John, der im Krieg mit der Mafia sein Leben verlor, ein weiteres Mitglied der Shelby Familie im Zentrum der Serie sein Leben lassen muss. Etwa Polly, die Männer unter den Tisch raucht und trinkt? Oder Arthur, der älteste, der seine Peaky Blinders Kappe mit eingebauter Rasierklinge dem Gegner ins Gesicht schlägt und die Faust gleich hinterher? Oder gar Familienoberhaupt Thomas Shelby selbst? Das wäre das Ende. Für die erfolgreichste Serie von BBC Two, zu deren erklärten Fans gehören auch Snoop Dogg und zu Lebzeiten David Bowie. Kaum jemand hatte erwartet, dass eine Serie über eine Gangsterfamilie im Birmingham der 20er Jahre zur Kultserie weltweit avanciert. Ein Ende … wäre das Ende.

Soweit ist es noch nicht. Auf den Schreck erst Mal einen Whiskey. Irisch. Thomas Shelby kippt ihn sich morgens rein, Polly zieht gleich. Frauen sind in Peaky Blinders trinkfest, arbeiten als Agentinnen, züchten Pferde wie Männer, sind sattelfest in mehr als einem Sinne. In dem Sinne trägt Peaky Blinders sogar emanzipatorische Züge.

© Peaky Blinders

Whiskey und Zigaretten zählen, bis es weiter geht…

Wie vertreibt man sich die Zeit bis zur nächsten Staffel? Ein englischer Fan schaut die Staffeln und zählt die Zigaretten, die Thomas Shelby raucht und die Whiskey, die er pro Folge trinkt. 8,2 Zigaretten pro Folge, erstaunlich wenig für einen Kettenraucher. 2,8 Whiskey pro Folge. Hätte man auch mehr erwartet. Dabei halten sich die Peaky Blinders an ihren Rauschmitteln fest, um mit der Realität klarzukommen. Irischer Whiskey ist es vor allem.

Dann gehen die Shelbies selbst unter die Spirituosenhändler. Auf dem Etikett ihrer Ginmarke steht: »Distilliert zur Ausrottung scheinbar unheilbarer Traurigkeit«. Thomas Shelby schaut sich dieses Etikett oft lange an. Dann geht er raus und bringt Konkurrenten um.

Die Männer in Peaky Blinders sind traumatisiert von ihren Kämpfen im ersten Weltkrieg in Frankreich und desillusioniert nach ihrer Rückkehr. Unter Leitung des intelligenten Thomas Shelby rücken sie von Habenichtsen zur vermögenden gefürchteten Familie auf, die sich gegen Mafia, russische Spione, sogar Winston Churchill durchsetzt. Die Shelbys sind vielleicht gefürchtet, bleiben in den Augen der anderen aber doch immer Zigeuner.

Hintergründe und Besetzung

Kreiert hat die Serie Steven Knight. Er hatte bereits immens erfolgreiche Serien geschrieben. Geld kann keine Triebfeder für ihn mehr sein. Er ist einer von drei Autoren von »Wer wird Millionär?«, das TV Quiz wird in 100 Ländern weltweit als Franchise ausgestrahlt. Für Menschen wie Knight hat man in England den Ausdruck geprägt: »He’s laughing all the way to the Bank!«. Knight schwächelte nach Meinung vieler Fans in Staffel 3 in seinem Story-Telling und triumphiert umso mehr in Staffel 4 mit einer Vendetta, die sich die Shelbys mit der New Yorker Mafia lieferten. Über der 4. Staffel liegt der Satz:

Der große Fisch fickt den kleinen Fisch. Das war immer so!

Aber Tommy Shelby definiert neu, was ein großer Fisch ist. Und am Ende bleibt seinem direkten Konkurrenten, dem jüdischen Londoner Gangster Alfie Solomon, nur noch die Frage: »Werden Sie sich um meinen Hund kümmern, wenn Sie mich erschossen haben?!« Alfie wird gespielt von Tom Hardy. Arthur von Paul Anderson. Beides gefeierte englische Schauspieler. In der Rolle des Tommy Shelby schlüpft Irlands schönster Schauspieler Cilliam Murphy.

© Peaky Blinders

Peaky Blinders reitet auf der Welle prominenter britischer TV-Serien daher und ist vielfach die heutige visuelle Entsprechung von Dickens gesammelten Werken in Buchform. Eine working class fantasy, fest in britischer und irischer Schauspiel Hand. Auch hier liegt ein Erfolgsrezept, und es wird Hollywood nicht schmecken: Schon J.K. Rowling hatte sich ausbedungen, für die Harry Potter-Filme nur britische Schauspieler und keine amerikanischen einzusetzen. Die Blinders kommen aus dem Land des englischen Barden namens Shakespeare. Gin, Whiskey mit »e«, Blinders. Es gibt Zusammenhänge, die man nicht auseinander reißt. Punkt.

Und deswegen spricht Alfie auch einen authentischen Londoner Akzent, wenn auch kein Cockney. Die Shelbies in einem breiten Birmingham Akzent. Brummis nennen die Engländer die Einwohner, die Stadt und ihre Gegend auch »Black Country« wegen des Kohleabbaus. Auf den unzähligen Wasserkanälen sind die Shelbies zu Hause, in den Booten vollgepackt mit illegaler Fracht, oder sie nehmen hier Zuflucht. Wenn die Italiener zur Vendetta blasen, zieht man sich wieder nach Small Heath (den Stadtteil gibt es wirklich in Birmingham) zurück. Britische TV-Serien haben in London zu spielen oder vielleicht auf dem Land.

»On a gathering storm comes
a tall handsome man
in a dusty black coat with
a red right hand«

Aber in Birmingham? Zum Takt von Nick Caves Mörderballaden im Soundtrack des Films und vor roten Feuer aus offenen Kohleöfen kämpft die working class, die Gangs of Birmingham. Mal als Zigeuner, mal als Commies. Wer hier bestehen will, schlürft und schnüffelt seinen Whiskey nicht. Jeder Schluck kann der letzte sein. Man wirft den Kopf zurück, schüttet Gin und Whiskey wahlweise in sich hinein wie ein Lokführer mit der Schippe in den Heizkessel.

Besonders Gin ist schon seit dem 18. Jahrhundert Rauschmittel der working class: »Drunk for a penny, dead drunk for Tuppence« heißt das Gin begleitende Sprichwort. Wie Gin und Whiskey von Tommy, Polly, John und Arthur getrunken werden, wie das Glas gehalten wird, clinched fists around a tumbler, das alles erzählt perfekt die Geschichte dieser 20er Jahre. Alle Agression dieser Zeit, wie auch die kurzfristige Erlösung und das Ventil, dass der Alkohol beschert, stecken in Tommys Art, sein Glas zu leeren.

Diese Treue muss ansteckend sein.

Peaky Blinders ist eine working class fantasy von ungeschliffener wie höchster Qualität. Mit Fangemeinden und Events weltweit. Man trifft sich in Kostümen zwischen Irland und Neuseeland. Die Blinders sind Fan-tum. Und Business. Aber stilsicheres Business. 430 Pfund und man kann sich das komplette Outfit von Tommy Shelby kaufen, stilisierte Rasierklinge zur Mütze inbegriffen. Mein Sohn, mein Freund Paul, alle sind sie irgendwann vom Fernseher aufgestanden und haben sich erst einmal die Peaky Blinders Schuhe gekauft. Und die Mütze versteht sich.

Die Sadlers Distillerie hat über 100jährige Tradition und stammt aus dem »Black Country«. Sadlers nimmt man in Großbritannien den Verkauf von »Peaky Blinder Spiced Gin« ab. Distilled for the Eradication of Seemingly Incurable Sadness. Distilliert auch, um die Zeit bis zur 5. Staffel irgendwie rumzukriegen.

 

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