Piraten als Tabak-Admirale

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DIE SIEGER,

DIE GESCHÄFTSLEUTE

UND DIE SCHMUGGLER

Zuerst muss man Sir John Hawkins erwähnen. Ein einflussreicher Würdenträger, großartiger Seemann und verwegener Seeräuber. Der konnte es in puncto Mut und Erfindergeist sowohl mit Kapitän Flint als auch mit dessen Vorbild Edward Teach, genannt Schwarzer Bart, aufnehmen. Dazu war er weitaus gebildeter und raffinierter. Der Kriegsadmiral durchpflügte Meere, raubte während des englisch-spanischen Krieges Schiffe aus und verachtete natürlich nicht das Geschäft. Hawkins war der erste englische Seefahrer, der Sklavenhandel betrieb.

Allerdings gab er bald diese wenig ehrenwerte Beschäftigung auf und begann etwa 1565 mit dem Tabakvertrieb in England. Zu jener Zeit rauchten im nebligen England vor allem die Seeleute. Alle anderen kamen nur sporadisch mit Tabak in Berührung, noch dazu unter Umständen, die man kaum als günstig bezeichnen kann. Die neue amerikanische Pflanze fand nämlich zunächst Anwendung in der Medizin, vor allem als primitives Betäubungsmittel bei chirurgischen Eingriffen.

Hawkins aber und seine Schiffsmannschaft zeigten allen Leuten anschaulich, dass man Tabak auch mit Genuss und ohne ärztliche Vorschrift konsumieren kann.

 

Zigarren-Geschichte: Tabak-Admirale; Sir Francis Drake
Sir Francis Drake

Ein anderer aktiver Liebhaber des Rauchens wurde der unerschrockene Kapitän Sir Francis Drake. Ein war ein Verwandter von Hawkins, der dessen Ruhm noch in den Schatten stellte. Er war es, der 1573 das Nicotiana tabacum nach England brachte – eine aus Mexiko stammende Abart des Tabaks. Wegen ihrer unbestreitbar besseren Qualität als der vulgäre Machorka (Nicotiana rustica), den die Europäer bereits kannten, errang sie größere Popularität. Das wichtigste Verdienst des großen Piraten in der Geschichte der Tabakverbreitung gebührt jedoch seiner, wenn auch indirekten Mitwirkung darauf, dass  das Rauchen in der vornehmen Gesellschaft Mode wurde.

1585 begeisterte Sir Francis einen weiteren Seefahrer, Piraten, Landentdecker, Dandy, Dichter und Liebhaber von Königin Elisa­beth  – Sir Walter Raleigh  – für die Kunst des eleganten Rauchausstoßens. Dieser vielseitig begabte Würdenträger machte seinerseits in der englischen Aristokratie sehr erfolgreich Werbung für den Tabak.

Alle drei – Hawkins, Drake und Raleigh – waren an der Zerschlagung der spanischen unbesiegbaren Armada beteiligt und kränzten ihre Namen mit glänzendem Ruhm.

 

Aber nur der Letzte von ihnen hatte im Business ebensolchen Erfolg wie im Krieg und in der Seefahrt. Er setzte auf den Tabak – und gewann! In den USA wird Raleigh als einer der Gründerväter des Staates verehrt, denn schließlich war er es, der als Erster versuchte, eine englische Kolonie auf dem neuen Kontinent aufzubauen. Allerdings war dieser Versuch nicht recht erfolgreich. Die Ansiedlung am Fluss Roanok hat traurige Berühmtheit erlangt, weil alle ihre Bewohner eines gar nicht schönen Tages geheimnisvoll verschwunden waren. Nach offizieller Lesart sollen Indianer die Kolonisten umgebracht haben, jedoch sind die Umstände dieser dunklen Angelegenheit so rätselhaft, dass man vermuten könnte, der Teufel habe seine Hand im Spiel gehabt. Es nimmt nicht wunder, dass der Name Roanok immer wieder in heutigen mystischen Thrillern auftaucht  – auch der berühmte Stephen King erwähnt ihn im »Storm of the Century«. Aber sei es wie es sei  – der Anfang war gemacht.

Die Angelsachsen strebten in die Neue Welt und der Tabakhandel wurde eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen. Das war vor allem Raleigh zu verdanken, der die Rauchmode am Hofe der Königinjungfrau Elisabeth eingeführt hatte. Er hat also die gleiche Rolle gespielt wie Jean Nicot in Frankreich, der Katharina von Medici den Schnupftabak als Medizin gegen Kopfschmerzen gereicht hatte. Im Resultat erlangten beider Namen in der Geschichte des Tabaks Symbolwert. Das Nikotin wurde Nicot zu Ehren so bezeichnet.

Alle drei – Hawkins, Drake und Raleigh – waren an der Zerschlagung der spanischen unbesiegbaren Armada beteiligt und kränzten ihre Namen mit glänzendem Ruhm.

 

Außerdem unternahm Sir Walter einen recht erfolgreichen Versuch, die ausländische Pflanze in Irland heimisch zu machen, wo er nach seiner Teilnahme an der Unterdrückung des Aufruhrs große Ländereien erhielt. Besser konnte es nicht laufen. Die einzige Unannehmlichkeit, die Raleigh in jenen Jahren seine flammende Liebe zum Tabak, genauer seine Rauchgewohnheit, versalzte, hatte er seinem treuen Diener zu verdanken. Als dieser zum ersten Mal sah, wie sich über seinem Herrn eine Rauchwolke erhob, versuchte er panisch »den Brand zu löschen« und kippte Raleigh Wasser über den Kopf. Aber einem erfahrenen Seemann konnte eine gewisse Menge Flüssigkeit nichts anhaben.

Nachdem nun Elisabeth das Zeitliche gesegnet hatte, war leider Sir Walter Raleighs »goldenes Zeitalter« vorbei. Der neue Herrscher Englands, Jacob I., hatte ein recht kühles Verhältnis zu dem Hofpiraten. Da Raleigh Anhänger der anderen Thronanwärterin – Arabella Stuarts war, stand er jetzt im feindlichen Lager des Monarchen, weshalb er auch im Tower landete (obwohl man seine Haftbedingungen nicht als hart bezeichnen kann).

 

Zigarren Geschichte: Tabak-Admirale; Thomas Cavendish

Im 16. Jahrhundert waren die hauptsächlichsten Raucher in England die Seeleute, die Höflinge und die Favoriten von Königin Elisabeth.

 

Zigarren Geschichte: Tabak-Admirale; Königin Elisabeth
Königin Elisabeth

 

Der König hatte aber nicht nur etwas gegen ihn, sondern auch gegen den Tabak. Er war in jener Zeit einer der unversöhnlichs­ten Gegner des Rauchens. Jacob I. war ein gebildeter Mann und kein schlechter Dichter, er hat selbst ein flammendes Traktat über den Schaden dieser tödlichen Leidenschaft verfasst. Als jedoch Verbote und Gegenreklame keine Resultate zeitigten, beschloss der König, den Handel mit dem Kraut aus Übersee ökonomisch zu unterdrücken und belegte eingeführte Tabakerzeugnisse mit einer unbezahlbaren Zollgebühr.

Aber auch so harte Maßnahmen blieben wirkungslos – die »Wunderblättchen« wurden illegal ins Land gebracht, denn außer dem Rauchtabak waren Schnupf- und Kautabak in Mode gekommen. Was aber Raleigh anbelangt, so trug er nach seiner Entlassung aus dem Tower weiter seinen Teil zur Entwicklung des Tabakgeschäfts bei – bis er seinen aufrührerischen Kopf auf  den Richtblock legen musste (im buchstäblichen Sinne des Wortes).

1618 wurde der Dichter und Pirat auf Befehl des Königs hingerichtet.

 

Die Raucher bezeichnen ihn manchmal als das erste Opfer der Antitabak-Gesellschaft, jedoch waren die Gründe für das so harte Urteil rein politischer Natur. Sir Walter hatte sich nämlich bei der letzten, nicht sehr erfolgreichen transatlantischen Expedition in alter Erinnerung erlaubt, die Spanier etwas »zu rupfen«. Jacob I. war aber sehr an dem unlängst hergestellten Frieden gelegen, der dem kräftezehrenden englisch-spanischen Krieg ein Ende gesetzt hatte, und deshalb konnte er dem dreisten Ungehorsamen diese Verfehlung nicht verzeihen. Oder wollte es nicht.

Zigarren Geschichte: Tabak-Admirale, Sir Walter Raleigh
Sir Walter Raleigh

Die wohl wahrheitsgetreue Legende besagt, Walter Raleigh sei seiner Schicksalsstunde so, wie es sich für einen echten Abenteurer gehört, mit der Würde eines Samurai begegnet. In Erwartung der Hinrichtung verfasste er ein Abschiedsgedicht und rauchte eine letzte Pfeife, aus der er die Asche auf dem Rand des Schafotts ausklopfte.

DIE STUDENTISCHE

PRAXISERFAHRUNG

Der König konnte den berühmtesten aller Tabakadmirale auf die weitest mögliche Todesfahrt schicken, aber den Tabak konnte er nicht besiegen. Von England aus verbreitete sich das »schädliche« Gift schnell über die ganze Welt. Als Erstes »fiel« Holland. Die einheimischen Seeleute konnten natürlich selbst Kurs über den Atlantik halten, und deshalb erhielten sie den Tabak sozusagen aus erster Hand. Und auch die Spanier, die lange in diesem nördlichen Gebiet das Sagen hatten, brachten die Gewohnheit des Rauchens mit und verleiteten ihre hiesige Bevölkerung dazu.

Ein Beweis dafür ist das Buch »De herbe panacea«, das im Jahre 1587 in Antwerpen erschien. Wie unschwer aus dem Wort »panacea« im Titel zu erraten ist, handelt dieses medizinische Opus vor allem vom Tabak. Dieser wurde den Lesern als Allheilmittel von allen möglichen Leiden präsentiert. Auch die englischen Studenten, die zum Studium an die Universität Leiden kamen, machten sich redlich verdient um die Verbreitung des Rauchens. Den Flamen und Niederländern gefiel vor allem das Pfeiferauchen und sie wurden bald die wichtigsten Fachleute für deren Design und Fabrikation in Europa.

Übrigens kam die Kunst der Pfeifenherstellung ebenfalls aus England – zusammen mit den Pfeifenmeistern, die sich nicht den Tabakrepressionen von König Jacob fügen wollten. Die meisten von ihnen siedelten sich im Städtchen Gouda an, das bis heute eines der internationalen Zentren für die Produktion erstklassiger Tonpfeifen ist. Der Rohstoff für deren Herstellung wurde in früheren Zeiten aus Deutschland eingeführt, während die fertigen Erzeugnisse und der Pfeifentabak in umgekehrte Richtung geliefert wurden. Allmählich zeigte das Beispiel der Holländer und Engländer bei den Deutschen Wirkung, die vormals eher dem Schnupftabak zugetan waren.

CAVENDISH – RUMTINKTUR

Bevor wir ein paar Worte über die Kondottiere des 17. Jahrhunderts verlieren und darüber, welche Rolle der Tabak in ihrem schweren Leben gespielt hat, wollen wir noch einen wackeren englischen Seeräuber erwähnen, den jeder Verehrer der Rauchpfeife kennt. Es gibt so eine bekannte Sorte milden und aromatischen Tabaks – »Cavendish«. Streng genommen ist das eigentlich keine Sorte, sondern einfach eine spezielle Verarbeitungsart der Tabakblätter, die in einer mehrmaligen Fermentierung besteht. Ihr Erscheinen hat sie einen bestimmten Zufall zu verdanken.

Zigarren Geschichte: Tabak-Admirale; Thomas CavendishThomas Cavendish gehörte zur Generation der postelisabethanischen Seeräuber. Die raffinierten und dabei furchtlosen und unerschrockenen aristokratischen Abenteurer, die gierig auf Reisen und Reichtum waren (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), waren ihren Vorgängern ebenbürtig. Es macht keinen Sinn, die ganze Biografie von Thomas Cavendish nachzuerzählen. Wir sagen lediglich, dass er nach Drake der zweite englische Kapitän war, der eine Reise um die Welt unternahm.

Aber sein Beitrag für die Kultur des Tabak­rauchens steht im Zusammenhang mit einer anderen Reise. Wie viele Kapitäne der Kaufmanns-und Piratenflottillen trieb er aktiven Handel in Westindien – mit den Inseln der Karibik. Einmal, als Thomas Cavendish von einer seiner Reisen zurückkam, ordnete er an, den Tabak, den er günstig in der Heimat absetzen wollte, in Rumkisten zu verpacken. Die Reise mit dem Segelschiff über den Ozean dauerte nicht nur einen Tag. Der Tabak, der nach der langen Lagerung im Schiffsrumpf das Aroma des bekannten Seemannsgetränks aufgenommen hatte, war angenehm und exotisch im Geschmack. Er erfreute sich augenblicklich großer Beliebtheit und machte seinen unfreiwilligen Erfinder über Jahrhunderte machte.

PRO & CONTRA

König Jacob war nicht der einzige Gegner des Tabaks. Die Kirche und viele progressive Mediziner jener Zeit verurteilten diese »scheußliche Angewohnheit«. Die Kirche setzte praktisch das Rauchen mit Zauberei gleich. Die Mediziner aber, die die Eigenschaften des Tabaks zunächst außerordentlich wohlwollend interpretiert hatten, bekamen nun Zweifel. Ist er wirklich so nützlich, wie es sich ihnen anfangs dargestellt hatte? Schließlich kamen viele von ihnen zu der Überzeugung, dass Rauchen schädlich sei. In Russland wurden Raucher auf Ukas des Zaren Alexej Michailowitsch mit Rutenschlägen bestraft. Rückfalltätern wurden die Nasenlöcher aufgerissen und sie wurden nach Sibirien verbannt.

Wer dennoch nicht von seiner Leidenschaft für den Tabak abließ, den erwartete sogar die Todesstrafe!

 

Allerdings resultierten derart harte Maßnahmen nicht aus religiösen oder medizinischen Gründen, sondern vor allem aus der Furcht vor Bränden. Das war auch der Grund, weshalb sich am russischen Hofe noch lange die Mode des Schnupftabaks und der hübschen Tabakdosen hielt.

DIE ANTIDEPRESSANTEN

DES KRIEGES

 

Zigarren Geschichte: Tabak-Admirale; Jean Auguste Dominique Ingres »Die große Odaliske«, 1814
Jean Auguste Dominique Ingres »Die große Odaliske«, 1814

 

Bald aber stand Europa vor einer ernsthaften Erschütterung, die die gesamte Lebensweise der meisten Menschen umkrempelte und die Staaten mit Söldnern und Abenteuersuchern überschwemmte. Leuten, die sich nicht durch sonderlich großen Respekt vor allen möglichen Beschlüssen und Vorschriften der Herrschenden auszeichneten. Dafür bedurften sie aber dringend Mittel, um Stress zu beseitigten und Hungergefühle zu betäuben. So ist es nicht verwunderlich, dass der Tabak während des 30-jährigen Krieges überall große Verbreitung fand. Er war die inoffizielle, aber dafür ausgesprochen stabile Währung, auf die das wirtschaftliche Chaos der Zeit der Wirren keinen Einfluss hatte. In einer deutschen Ballade aus jener Zeit heißt es:

»Wenn Brot ich hätt und Tabak auch

Und eine Schenk am Wege –

Dann ließe sich’s wohl leben!«

Warum auch nicht! Aber in den ersten Kriegsjahren war der Tabak in Europa recht teuer. Und deshalb wurden damals die Pfeifen mit sehr kleinen Köpfen hergestellt. Dank der Bemühungen der amerikanischen Plantagenbesitzer wie etwa John Rolf, des Ehemanns der »Indianerprinzessin« Pokohontas und eines der ersten Tabakmagnaten, wurde das Pfeifenkraut erschwinglicher, was die allmählich größer werdenden Pfeifenköpfe belegen. Soldaten und Seeleute machten die Tabakeroberung Europas perfekt. Aber die Expansion machte nicht bei dem Erreichten Halt – Asien und Afrika standen noch aus.

DIE TABAKKOLONISIERUNG

Die Türken

Am begeistertsten waren die Türken vom Tabak. Vor allem, weil sie rasch lernten, das Rauchen mit dem Trinken ihres geliebten Kaffees zu verbinden. Die Untertanen des Osmanischen Reichs ergaben sich dem Rauchen mit solch unvergleichlicher Hingabe, dass das Bild eines Türken mit Fez und überlanger Pfeife bald darauf fast jedes Aushängeschild eines Tabakladens in Europa zierte.

Natürlich geschah das nicht sofort, auch die Türkei musste eine Zeit härtester Tabakrepressionen durchmachen. So ging zum Beispiel Sultan Murad IV. ausgesprochen strikt gegen die Raucher vor. Erstens, weil man wiederum Angst vor der Entstehung von Bränden hatte, zweitens aber, weil man Verdacht hegte, in den Kaffeestuben versammelten sich als freundschaftliche Sitzrunden mit Pfeife getarnte Verschwörer und unsichere Kandidaten.

Jedoch trotz der Hindernisse seitens der Herrscher verbreitete sich der Tabak im moslemischen Orient sehr schnell. Sicher, weil hier bereits eine bestimmte Tradition des Rauchens vorhanden war, denn die Nargila wurde bereits vor Beginn der Tabakepoche in Eurasien geliebt und verehrt. Anfangs wurde die Nargila aus Kokosnuss oder Kürbis gefertigt und zu medizinischen Zwecken als Schmerzmittel verwendet.

Es wurde ein Kräutergemisch geraucht, das Haschisch oder Opium enthielt.

 

Wie unschwer zu erraten, entdeckten bald auch gesunde Menschen ihre Vorliebe zur »Selbstheilung«. Deshalb wurde die Nargila vervollkommnet und erfreute sich wachsender Beliebtheit. Sie macht aus eben diesem Grunde auch heute noch im Orient den Pfeifen und Zigarren ernsthaft Konkurrenz.

Das alte China

Vorläufer der Raucherpfeifen gab es auch im alten China, übrigens lange bevor der Tabak dort aufkam. Jedenfalls kann man in alten Dokumenten bis hin zum Jahre 1550 kein Wort über Tabak finden. Da nämlich brachten die Amerikaner diese Neuigkeiten von den Philippinen mit, wohin er wiederum von unbekannten spanischen und portugiesischen Seefahrern gebracht worden war. Die weitere Geschichte kommt uns bekannt vor. Experimente von Ärzten, die mit Tabak alle möglichen Gebrechen kurierten – von Malaria bis zu Schlangenbissen. Des weiteren schnelle Verbreitung und erste Verbote, resultierend aus der berüchtigten Brandgefahr des neumodischen Vergnügens.

Außerdem hat sich die relativ konservative Kultur des damaligen Fernen Ostens gegen die meisten Neuigkeiten aus Übersee gewehrt. So erließ der Kaiser von China im Jahre 1612 einen Befehl, der den Konsum von Tabak bei Androhung der Todestrafe untersagte. Aber dieses Verbot war so uneffektiv wie dessen europäische Parallelbeispiele. Außerdem entdeckten die spanischen und portugiesischen Forscher, aus denen sehr schnell Eroberer wurden, dass das Klima in Indochina für den Tabakanbau sehr günstig war. Sie machten bald zahlreiche Plantagen auf. Der angebaute Tabak, besonders der Schnupftabak, wurde nicht nur nach Europa transportiert. Er wurde auch den Chinesen verkauft, wie üblich als Medizin.

Interessant ist, dass die Jesuitenmissionare diesen Handel am aktivs­ten betrieben. Vielleicht hatten sie vergessen, dass die Kirche eine negative Haltung zum Tabakgenuss hatte, vielleicht hielten sie auch die fremdländischen Heiden für nicht besser als den Teufel. Schließlich hatte Jacob I. empfohlen, dem Feind des Menschengeschlechts eine Tabakpfeife anzubieten, damit ihm das Leben nicht wie Honig vorkomme. In Wirklichkeit hat die heiligen Väter in erster Linie der Gewinn interessiert, denn der Tabak war im Osten eine genauso profitable Ware wie im Westen. Gleiches kann man auch über das Raucherzubehör sagen – die Pfeifen, Tabakdosen und Tabakbeutel. Übrigens wurden die Tabakdosen in China traditionell in der Form winziger Glas -, Porzellan- oder Nephrosfläschchen gefertigt. Denn da der Tabak nun einmal als medizinisches Präparat verkauft wurde, musste er auch entsprechend aufbewahrt werden – nämlich in Fläschchen.

Japan

Die japanischen Herrscher waren gegenüber den von den Europäern eingeführten Neuerungen noch misstrauischer als die Chinesen. So ist es natürlich, dass auch das Pfeifenkraut ein ähnliches Schicksal ereilte.

Viel später schrieb Akutagawa Ryunosuke eine geistreiche Novelle, in der es heißt, der Teufel selbst habe den Tabak auf die japanischen Inseln gebracht.

 

Im Unterschied zum englischen König war der Klassiker der japanischen Literatur offensichtlich der Meinung, der böse Geist sei diesem Gewächs nicht allzu abgeneigt gewesen. »Als Begleiter eines gewissen katholischen Paters« (aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um den heiligen Franciscus) sei er angeblich nach Japan gekommen und habe mit einem Händler eine Abmachung getroffen. Wenn dieser den Namen des aus Übersee stammenden aromatischen Krauts errate, bekäme er ein ganzes Feld davon geschenkt. Errate er ihn nicht, gebe er ihm seine Seele und seinen Körper noch dazu.

Der pfiffige Kaufmann fand jedoch schnell einen Ausweg. Spät nachts führte er seinen Stier auf das Feld und befahl ihm, hinundzurück zu laufen, wobei dieser die von Belzebub bepflanzte Plantage gründlich zertrat. Auf den Lärm hin sprang der Teufel aus seinem Häuschen und brüllte mit heiserer, verschlafener Stimme los: »Was ist das für ein Vieh, das meinen Tabak zertritt?« So hatte er unfreiwillig das Geheimnis verraten. Die Plantage ging also an den pfiffigen Händler.

Nach Akutagawa war ihr ehemaliger Besitzer darüber nicht sonderlich böse – er hat zwar diese Seele nicht bekommen, dafür aber hatte er dem Tabak zur weiteren Verbreitung in Japan verholfen. Ob es sich nun um ein Teufelsgeschenk oder nicht handelt: jedenfalls gefiel das Rauchen dem japanischen Volk so sehr, dass die Verbote, die genauso streng waren wie in Russland und in der Türkei, nicht dagegen ankamen. Alle pafften, inklusive Frauen und Kinder.

Und bis zum heutigen Tage gehört Japan zu den Ländern, wo am meisten geraucht wird, was seine Einwohner nicht im geringsten daran hindert, die durchschnittlich höchste Lebenserwartung in der Welt vorzuweisen.

 

Zigarren Geschichte: Tabak-Admirale; Königin Elisabeth
Kiseru-Pfeife mit Netsuke-Anhänger

Die Japaner bevorzugten die Kiseru-Pfeifen mit langem Mundstück und kleinem, nur für wenige gute Züge geeigneten Kopf. Und das Tabakzubehör vervollständigten sie um Netsuke-Figuren. Schließlich hat der traditionelle Kimono keine Taschen. Deshalb wurden kleine Gegenstände üblicherweise an einer Schnur in den Gürtel gehängt, an deren anderem Ende als Gegengewicht ein Netsuke-Anhänger befes­tigt wurde. Tabakbeutel und Pfeife waren von den »kleinen Gegenständen« am meisten verbreitet (obwohl natürlich nicht nur diese am Gürtel getragen wurden).

Die Expansion des Tabaks beförderte also nicht unwesentlich das Gedeihen der Handwerker, die Netsuke-Figuren herstellten. Sowohl derer, die billige, einfache Kupfgergüsse produzierten, als auch derer, die richtige Kunstwerke aus Jadéite oder Elfenbein anfertigten. Im Land der aufgehenden Sonne endete auch die Reise des Tabaks in den Osten. Danach gab es einfach bis Amerika kein großes Festland mehr.

Der Süden

Was den Süden anbelangt, so haben höchstwahrscheinlich die ersten Sklavenhändler den Tabak nach Afrika gebracht (nicht ausgeschlossen, dass auch Sir John Hawkins seinen Anteil daran hatte). Nach ihm kamen die europäischen Kolonisten, unter denen genügend Raucher waren. Die Buren – holländische Siedler mit dem berühmten Forscher, Seefahrer und Diplomaten Johan van Riebeeck an der Spitze, die sich Mitte des 17. Jahrhunderts auf dem Territorium der heutigen Republik Südafrika niederließen, vergaßen nicht, ihre geliebten Pfeifen mitzunehmen. Und da diese ohne Tabak wenig Sinn machen, brachten sie auch den Tabakanbau ins Land. Bald wurde der Tabak eine der wichtigsten Kulturen, die die Buren anpflanzten – neben Mais, Weizen, Kartoffeln und Baumwolle. Sie züchteten hier auch eine neue Sorte, die sie ohne lange nachzudenken »Bur« (Boer tobacco) tauften. Übrigens erlangte er in der Welt keine große Berühmtheit.

Dafür trugen die holländischen Vorposten in Südafrika, die am Beginn der Republik Südafrika standen, zur Verbreitung des Tabaks in Asien bei. Dort fiel die amerikanische Pflanze auf fruchtbareren Boden – sowohl im direkten als auch indirekten Sinn. Die Kolonie Kapstand nämlich, die sich mit der Zeit ausdehnte und in die Stadt Captown verwandelte, wurde als Umschlagspunkt für Kaufmannsschiffe gegründet, die in Richtung Indischer Ozean fuhren. Denn vor der Eröffnung des Suezkanals im Jahre 1869 musste man den afrikanischen Kontinent umschiffen, um nach Indien und China zu gelangen. Außerdem musste man durch das Nagelkap fahren. Das hatte bei den Seeleuten zwar nicht den schlechten Ruf des Kap Horn, aber war auch kein Geschenk.

Die Möglichkeit, ein Schiff zu reparieren, auszuruhen und die Vorräte aufzufrischen, kam also auf dieser Etappe der Reise mehr als gelegen. Die Ureinwohner des Schwarzen Kontinents übernahmen ziemlich schnell von den bleichgesichtigen Ankömmlingen die Angewohnheit des Raucheinatmens. Hier kannte man nämlich wie in Asien schon vorher den Genuss des Aromas aller möglichen glimmenden Kräuter (vor allem Hanf). Einige Historiker bezeichnen sogar Afrika – allerdings Nord -, nicht Südafrika – als eine mögliche Urheimat der Wasserpfeife. Jedoch gewann der Tabak in Afrika weniger Popularität als in Asien. Einzig vielleicht in Simbabwe wurde vor Beginn der Weltwirtschaftskrise viel guter »Virginia« angebaut.

Aber die Epoche der großen geografischen Entdeckungen ging zu Ende. An die Stelle der Conquistadoren und Piraten traten Geschäftsleute und Administratoren. Zigarren und Pfeifen wurden kräftig von den Zigaretten verdrängt. Was die weitere Geschichte des Tabaks anbelangt, so ist sie auf ihre Weise interessant und reich an Kuriositäten, fast Krimi-ähnlichen Ereignissen und jähen Wendungen. Aber sie ist wohl kaum noch so romantisch und erstaunlich wie zu Zeiten der Tabakadmirale.

 

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