Poitín. Irischer Schnaps. Teil I

Die Wiedergeburt einer Spirituose

©The Gateway to Distilleries 2018
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Auf der grünen Insel wird Poitín – gesprochen po(t)schien – seit Jahrhunderten gerne getrunken. Die klare Spirituose ist das Alltagsgetränk in vielen irischen Haushalten. Wie ein Obstler in Oberösterreich begleitet er als Shot die Mahlzeiten oder die Gespräche unter Freunden. Der für Irland typische Poitín wird heute wie früher in nicht wenigen Häusern regelmäßig für den eigenen Verzehr gebrannt. Dieses Recht ließen sich viele der illegalen Brenner auch dann nicht nehmen, als die englische Krone 1661 die landesweite Herstellung dieses Destillats verbot. Die irischen Schwarzbrenner beharrten auf ihr natürliches Recht und destillierten immer wieder nach vererbten Rezepten ihren Klaren. Allerdings konnte damals der Besitz einer Flasche Poitín bis zu 1.000 Pfund Strafe nach sich ziehen.

So mancher Destillateur stieg wegen der besonderen Qualität seines Potheen (anglisiert) zum heimlichen Star in der Region auf. Unterschiede in den Aromen und im Geschmack können von Gebiet zu Gebiet stark variieren. Jeder hatte und hat eben seine Vorlieben.

Klein(st)e regionale Unterschiede

Die illegalen Kleinbrenner von West Cork verwenden traditionell vorwiegend Getreide, ihre westlichen Nachbarn in County Waterford Kartoffeln und jene im nordwestlichen Galway und Donegal Zuckerrüben-Melasse. Der frische, klare und alkoholstarke White Spirit mit 50 bis zu 90 Vol.-% wird gerne in gebrauchten Weinflaschen mit Schraubverschlüssen unter der Hand vertrieben. Auf dem Schwarzmarkt sind auch fassgelagerte Varianten erhältlich.

Irland, counties

Koloniale Alkoholsteuer

Der durch die Civil Wars in Finanznot geratene englisch-schottische König Charles II verbot an Weihnachten 1661 die irische Poitín-Produktion. Oliver Cromwell hatte ein zerrüttetes Land hinterlassen. Zur Finanzierung des englischen Bürgerkriegs führte der Stuart-Monarch erstmals im Vereinigten Königreich eine hohe Alkoholsteuer ein. Sie traf die Grüne Insel ins Mark.

Irland war in jener Zeit ein Teil Englands. Von 1171 bis 1922 gehörte es zum United Kingdom. In den ersten Jahren wurde Éire als Lordschaft des Königs von England und ab 1541 bis zur Gründung des Irischen Freistaats als Kingdom of Ireland durch seine feudalen Vertreter ausgebeutet.

Hunderte Irish Distilleries sanierten mit ihren Abgaben den Staatshaushalt, während der illegale Poitín-Handel keinesfalls die königlichen Einnahmen schmälern sollte. Steuereintreiber der Krone, die Royal Excisemen, kontrollierten akribisch die Abführung der excise tax on alcohol. Sie jagten landesweit, wo auch immer, die kleinen Schwarzbrenner.

Das Piotín-Geschäft

… blühte nach wie vor in den ländlichen Dörfern. Mit einfachsten Mitteln und Geräten wurde im Geheimen und bei windigem Wetter produziert. Nur so konnten die verfliegenden Rauchschwaden die Steuereintreiber nicht auf die Spur der Moonshine-Anlage führen. Eine Maische bestehend aus 400 Liter Wasser, jeweils 40 Kilogramm geriebenen Kartoffeln und Zuckermelasse wurde mit Hefe zum Gären angeregt. Die Wash mit rund 6 Vol.-% Alkohol füllte einen kleinen primitiven um die 100 Liter fassenden Kessel, den der lasair poitin (Gaelisch für Poitín Brenner; Anm.d.Red.) – darunter auch Kinder – von außen mit Torf direkt beheizte.

Ein kurzer Lyne Arm (zu Deutsch: Schwanenhals = das Rohr an der Spitze der Brennblase; Anm.d.Red.) mündete in eine dünne Rohrschlange, die in einen mit Wasser gefüllten Holzbottich die Alkoholdämpfe kondensierte. Die Trennung in Vorlauf, Herzstück und Nachlauf hing von der Erfahrung ab. Neben guten und sauberen Qualitäten wurden auch gefährliche Spirits mit Methanol, Acetaldehyd und Ethylacetat versetzte Flüssigkeiten vertrieben. Kein Wunder, dass dieses Teufelszeug den Ruf des Poitíns nicht verbesserte.

Kaschieren und kassieren

Honig, Früchte, Pflaumenwein und andere Substanzen verdeckten die gesundheitsgefährdenden Stoffe. Die günstige, klare, hochprozentige Spirituose wurde damals wie heute in Irland sehr gerne in den bäuerlichen Haushalten selbst produziert. Schwarzbrennern drohte nach den Regeln des Ilicit Distillation Act von 1831 beim ersten Mal eine Zwangsarbeit bis zu 6 Monaten, nach Wiederholung bis zu 12 Monaten.

Die irische Folk-Punk-Band The Pogues sangen einst in ihrem Song Fairy Tale of New York:

There's a neat little still at the foot of the hill
Where the smoke curls up to the sky,
By a whiff of the smell you can plainly tell
That there's poteen boys close by.
For it fills the air with a perfume rare
And betwixt both me and you
As home we roll, we can drink a bowl
Or a bucketful of mountain dew.

Im November 2013 hoben Officers nahe der nordirischen Grenze in Cavan eine große illegale Poitín-Distillery aus. Rund 900 Flaschen Moonshine warteten auf eine Füllung. Im abgelegenen North Tipp im Co. Tipperary entdeckte die Gardaí im Frühjahr 2015 einen Schwarzbrenner bei der Arbeit.

Einen Einblick in eine (legale) »Schwarzbrennerei« gibt die Loch Ewe Brennerei im Nordwesten Schottlands.

Ende des kolonialen Rechts

Das generelle Verbot zur Herstellung eines Poitíns wurde erst von der Republic of Ireland am 7. März 1997 – im nordirischen Ulster besteht es weiterhin – aufgehoben. Lizenzierte Brennereien begannen mit der Produktion.

2008 erhielt das irlandspezifische Getränk von der Europäischen Union den Status einer geografisch geschützten Marke. Poitín muss entweder in der Irish Republic oder in Nordirland gebrannt werden. Die Irish Poteen/Irish Poitín Technical File der Food Industry Development Division des Department of Agriculture, Food and the Marine legt fest, aus welchen Materialien ein Poitín bestehen darf (neue Fassung Februar 2015). Die Bandbreite der Stoffe ist vielfältig: »cereals, grain, whey, sugar beet, molasses and potatoes.«

Regulierungen

Getreide, aus gekochtem Getreide gewonnene Stärke, Molkeeiweiß, Zuckerüben, Melasse und Kartoffeln bilden die Grundlagen, mindestens 50% der verwendeten Stoffe müssen allerdings aus Irland stammen.

Ein Poitín kann entweder in Column Stills – Rektifikationskolonnen – oder Pot Stills (Brennblasen) fraktioniert werden, die maximale Alkoholstärke wird auf 94,7 Vol.-% begrenzt. Der Anteil an Methanol darf pro Hektoliter 30g nicht übersteigen. Eine Mazeration des Brennguts mit Früchten, Gewürzen und Pflanzen ist erlaubt, muss aber auf dem Label gesondert angegeben werden.


Lesen Sie weiter ab 21. April 2018: Poitín. Die Geschichte in 9 Abfüllungen.

 

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