Renaissance Roter Riesling

Weintrauben des Roten Rieslings
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Reine Familiensache

Auch unter den Rebsorten gibt es familiäre Verbindungen. Der Rote Riesling gilt gemeinhin als die »Ur-Mutter« des heute allgemein bekannten Weißen Rieslings. Dieser ist also eine Mutation des Roten Rieslings. Mutationen gibt es in der Ampelographie (Rebsortenkunde) einige, in der Regel sind die weißen immer aus den roten Rebsorten mutiert – sprich, irgendwann wurde das Farbgen nicht an die nächste Generation weitergegeben.

Übrigens ist die erste urkundlichen Erwähnung des Roten Riesling im Mittelalter datiert, es handelt sich also um eine der historischsten und ältesten Rebsorten in Deutschland. Noch vor der Reblaus wurde der Rote Riesling oftmals mit dem Weißem im gemischten Satz angepflanzt, doch dann verschwand er von der deutschen Rebfläche. Fast.

Reinhard Antes, der Rebenflüsterer

Dass es der Rote Riesling zurück auf die deutsche Weinbühne geschafft hat, ist im Grunde nur einem Mann zu verdanken: Rebveredler Reinhard Antes. »Mein erster Kontakt mit dem Roten Riesling liegt gut 40 Jahre zurück«, berichtet Antes von der Hessischen Bergstraße. »Ich absolvierte ein Praktikum an der Geisenheimer Forschungsanstalt. Dort gab es ein Feld mit lauter historischen Rebsorten. Neben Weißem Portugieser, Blauem Silvaner oder Rosé Chardonnay standen dort auch 12 Stöcke vom Roten Riesling. Also immer die farblichen Gegenstücke der heute bekannten Rebsorten, wie Blauer Portugieser, Grüner Silvaner und Weißer Riesling. Für mich als Bergsträsser, war die rote Variante des Riesling natürlich besonders interessant.«

In den 1990er Jahren erfolgte eine Selektion und aus den 12 Stöcken wurde vier herausgesucht, die viren- und krankheitsfrei waren. Diese begann Antes dann, Schritt für Schritt zu klonen.

Als erster wagte sich Dr. Matthias Corvers, vom Weingut Corvers-Kauter im Rheingau, an den Roten Riesling. 2003 wurde ein Weinberg bepflanzt und drei Jahre danach der erste Rote Riesling seit fast 100 Jahren präsentiert. Wenig später folgten ihm Ullrich Allendorf, Fred Prinz, Alexander Jung und das Weingut G.H. Von Mumm. Auch an der hessischen Bergstrasse bepflanzten immer mehr Weingüter ihre Rebgärten mit der vergessenen Rebsorte. Natürlich auch Reinhard Antes, der nebenbei noch der Vorsitzende der Bergsträsser Winzer(-genossenschaft) ist.

Adelsmann oder Dreck unter den Fingernägeln?

Doch was reizt einen Winzer am Roten Riesling? Lediglich die Tatsache, eine neue Rebsorte zu pflanzen, einem möglichen Trend zu folgen, das Exotische oder die historische Verbundenheit.
»Ich suchte einen Rieslingklon, der meinen eigenen Vorstellungen vom Riesling näher kam. Dabei bin ich über den Roten Riesling geradezu gestolpert.« berichtet Dr. Corvers. Allendorf und Prinz gefiel es, dass der Rote Riesling »breitere Schultern habe, als der weiße.« Breitere Schultern? Etwas schwer, sich darunter was Geschmackliches vorzustellen. Also noch mal beim Rebenflüster Antes nachgefragt. »Der Rote Riesling hat einfach mehr Extrakt, als der Weiße», erklärt er. »Das Besondere am Roten Riesling ist ja die Traubenschale, diese verfärbt sich im Laufe der Reife, manchmal auch nur teilweise, rot. Dadurch erwärmen sich die Trauben im Herbst stärker als die weißen, was eine andere Aromenausbildung und Säurestruktur nach sich zieht. Aufgrund seiner Schale ist der Rote Riesling auch widerstandsfähiger als der weiße und somit nicht so anfällig für klassische Rebkrankheiten. Auch der Reifezeitpunkt ist früher und das kann in klimatisch schwierigen Jahren sehr wichtig sein.«

Wenn man alle Meinungen der Winzer zusammenträgt und einige Rote Riesling probiert und sie mit dem bekannten weißem vergleicht, setzt sich das Puzzle zusammen. Stellt man sich den herkömmlichen weißen Riesling als ländlichen Adelsmann im Cordanzug vor, so hat der Rote immer noch die Weinbergsklamotten an und etwas Dreck unter den Fingernägeln. Der Rote Riesling ist geschmacklich robuster, die Säure gezügelter, aber keineswegs langweiliger als der Weiße. Die Rebfläche an Rotem Riesling wächst stetig, insbesondere an der Hessischen Bergstraße. Dort ist man heute stolz darauf, weltweit die größte Anbaufläche dieser vergessenen Rebsorte zu haben.

Ach ja, trotz irritierenden Namens, handelt es sich beim Roten Riesling um eine weiße Rebsorte.

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