Rote Kirschen ess’ ich gern, schwarze noch viel lieber

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Man sagt dem Elsass nach, eine der schönsten Landschaften im Herzen Europas zu sein. Auch genießt die Gastronomie dort einen hervorragenden Ruf. Es ist eine Wanderlandschaft, lädt ein zum langsamen Genießen, zum Verweilen und Nachspüren. Der Reisetipp für alle, die es nicht eilig haben.

Kirschen, Kirschen, Kirschen …

Wir sitzen unter einem alten, hohen Baum voll mit schwarzen Kirschen. Schon eine ganze Weile. Eine Landschaft wie in einem Traum aus alten Zeiten. Sanfte Hänge mit Feldern oder Weinbergen, in der Ferne der Kirchturm eines Weilers, der sich in eine Senke duckt. Keine Autos. Keine Zäune. Kein Mensch weit und breit. Das Summen der Insekten. Stare im Baum und Amseln.

Eine sanfte Junisommersonne streichelt die Haut. Die Äste bewegen sich leicht in einer sanften Brise. Wir schauen uns an.

Rote Kirschen ess’ ich gern, schwarze noch viel lieber,

in die Schule geh’ ich gern, alle Tage wieder.

He da! Platz gemacht, für die jungen Damen.

Sitzt der Kuckuck auf dem Dach,

kommt der Regen, macht ihn nass.

Kommt der liebe Sonnenschein,

diese Dame soll es sein.

So singe ich. Mein Liebster lacht. »Sollen wir?«, frage ich. – »Kein Bauer in Sicht … ?« Und schon springen wir auf und greifen zu. Ich bin wieder ein Kind. So tolle Kirschen gab es nur bei meiner Oma. Ich machte Kirschohrringe aus Zwillingskirschen. »Und im Winter durfte ich in den Keller gehen und eingemachte Kirschen holen, wenn ich zu Besuch war. Die schwarzen waren die Besten«, erzähle ich beim Pflücken.

Daran habe ich lange nicht mehr gedacht. Glücklich wie ein Kind auch jetzt. Es schmeckt wunderbar. Wir essen, bis wir wirklich voll sind. Dann legen wir uns unter den Baum und schlafen ein.

Später probieren wir rote Kirschen von einem Baum in der Nähe des Weilers – schon fast ohne schlechtes Gewissen. Auch gut, aber nicht so gut wie die schwarzen, finde ich. Mit Bedauern gehen wir an anderen Kirschbäumen vorbei. Die stehen vereinzelt in der Landschaft und rufen uns zu: Probiert von unseren Früchten.

Kirschbaum

Die deutsche Sprache in Elsass

»Werden die Kirschen hier nicht geerntet?«, fragen wir im nächsten Dorf eine alte Frau in gebrochenem Französisch, die uns im Morgenmantel entgegenschlurft. »Nicht alle, es gibt so viele in diesem Jahr«, sagt sie auf Alemannisch. Für mich schwer verständlich.

»Die jungen Leute ziehen in die Stadt«, sagt die alte Frau. »In den Ferien, da ist es hier voller Leben. Im Sommer«. Sie lacht. »Dabei ist es hier so schön.« – »Reden viele Leute noch Deutsch?«, frage ich. – »Mehr die Alten, in der Schule spricht man heute Französisch. Und nach Hitler hatte auch keiner mehr Freude am Deutschen. Wir wurden schikaniert und Französischsprechen war verboten.

Nach dem Krieg gehörten wir wieder zu Frankreich. Da war Deutschsprechen verboten. Es war eine schwierige Zeit. Heute gibt es wieder junge Leute, die den Dialekt pflegen wollen. Aber Hochdeutsch interessiert sie nicht.« Wir plaudern noch ein wenig, dann laufen wir weiter. In diesem Weiler gibt es kein Restaurant und auch kein Hotel.

Die Front verlief mitten durch das Elsass

Wir sitzen auf einer sonnenwarmen Steinmauer im Weinberg. Nicht weit von einem Wäldchen. Schauen in die Ferne. Weiche Formen und Kurven und Wellen in sanften Grüntönen – so sinnlich, diese Landschaft. Die Sonne kitzelt. Mein Liebster pafft fröhlich eine Zigarre. Der Rauch kringelt sich empor in der klaren Luft. Ich lege den Kopf auf seinen Schoss, schließe die Augen. Habe romantische Gefühle.

»Die Front verlief mitten durch das Elsass«, sagt er. »Im ersten Weltkrieg.« Ich wundere mich, wie man in so einem Moment an Krieg denken kann. Setze mich auf. Versuche in die Vergangenheit zu schauen und kann es mir schwer vorstellen. Ein Schatten über dem Land. Männer, die sich eingegraben haben mit ihren Uniformen und Stahlhelmen, Geschützlärm. »War es hier, wo mein Opa mit sechzehn Jahren sein Bein und sein Auge verlor?«, frage ich mich.

Irgendwo an einer der französischen Fronten jedenfalls. Er war Artilleriebeobachter, saß mit einem Telefon zwischen den Fronten und musste die Einschläge beobachten und melden. Und wenn die Leitungen zerschossen waren, hieß es hinauskriechen, den Schaden beheben, mitten im Feuer. Kein guter Job. Leicht bekommt man die Kugeln von beiden Seiten ab. Die Verletzung hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich bin gerne auf seinem heilen Bein geritten und war fasziniert, wenn er sein Holzbein abends auszog. Aber über den Krieg wollte er nicht reden.

Weiter geht es durch die Hügel. Neben alten Obst- und Kirschbäumen prägen Berge, Wiesen, Wälder und Felsen die Landschaft. Der Weg führt an Bächen entlang, auf einem Hügel in der Ferne eine Burg. Riesen stehen am Wegrand, hohe feuergeschwärzte Holzskulpturen schauen in die Ferne. Die Ballade »Das Riesenspielzeug« von Adelbert von Chamisso steigt aus der Erinnerung an die Gedichte auf, die man irgendwann gelesen hat. Dort erklärt der Riesenvater der Tochter, dass der Bauer kein Spielzeug sei.

Der Bauer ist kein Spielzeug

Burg Niedeck ist im Elsass der Sage wohlbekannt,

die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;

sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,

du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,

erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor

und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,

neugierig zu erkunden, wie’s unten möchte sein.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,

bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;

es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,

es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

»Ei! artig Spielding!« ruft sie, »das nehm’ ich mit nach Haus!«

Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus

und feget mit den Händen, was sich da alles regt,

zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt,

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,

den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;

wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,

so klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:

»Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!

Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,

der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn?

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;

denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;

es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,

der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor.«

Ein Storch wie aus dem Bilderbuch

Vielleicht sollte man das mal den planenden Riesen der EU-Agrarindustrie erzählen, denke ich wehmütig und schaue auf einen alten knorzigen Apfelbaum. Da wachsen die Äpfel ungenormt, und sicher gibt es im kleinen Laden noch krumme Gurken. Hier im Elsass scheint der Bauer direkt mit seinem Land verbunden zu sein, hier herrscht der Landwirt, nicht die Agrarindustrie.

Der Wein ist noch nicht reif. Wir gehen an einer langen hohen Mauer aus wuchtigen Feldsteinen entlang. Wir hören ein Geräusch. Es klappert. Am Abhang unter uns liegt das Dorf. Dort sehen wir ein großes Bauernhaus. Auf dem Dach ist ein Rad befestigt, darauf liegt ein Nest und drin steht wirklich ein Storch. Mit roten Beinen, und er ist auch weiß mit schwarzen Flügelspitzen, wie im Bilderbuch. Und klappert mit dem Schnabel. Ein zweiter zieht einen Kreis und landet auch im Nest. Tag der Kindheitserinnerungen.

2 Störche im Nest

Flammenkuech, Minschterkas, Foie gras, Mignardises

Ich wusste schon im Kindergarten, dass Kinder nicht vom Storch gebracht werden, sondern im Bauch von Mama wachsen, auch wenn man mir ein Bild zeigte, mit einem großen Vogel, der ein Baby in einem Korb im Schnabel trägt. Alles Lüge.

Ein Restaurant in einem Keller mit hohem Gewölbe. Ich bestelle »Flammenkuech« mit Zwiebeln und Speck, lasse mich überraschen. Es schmeckt knusprig und macht Lust auf mehr. Was probier’ ich noch? Den »Minschterkas« mit seiner roten Rinde oder Foie gras, eine Pastete aus der Leber gestopfter Gänse oder Enten? Oder vielleicht doch lieber was Süßes? Die »Mignardises«, kleine süße Kuchen?

David probiert den »Coq au Vin«. Kommt der Ausdruck »Leben wie Gott in Frankreich« aus dem Elsass? Zum Nachtisch gibt es einen Kirschkuchen mit Sahne. Und zum Kirschschnaps sind wir eingeladen von der herzlichen Gastgeberin. Die Bedienung ist jung und freundlich. Sie gibt sich Mühe, mit uns ein langsames Französisch zu sprechen. Dass es uns schmeckt, versteht sie auch so.

Wir finden ein Hotel, irgendwo in dem mittelalterlichen Städtchen Metz. Das Chagall-Fenster, das es dort in der Kathedrale Saint-Étienne anzuschauen gibt, kann bis morgen warten.


Aus den leckeren schwarzen Kirschen lässt sich mehr als nur ein feines Dessert herstellen. Shmckr hat eine Variante »Hausmannskost« mit einfacher Zubereitung gewählt, aber auch einem jungen, hochtalentierten Patissier über die Schulter geschaut.

Für den schnellen Genuss und für den Küchentüftler finden Sie hier zwei Rezeptvarianten aus schwarzen Kirschen, die nicht gleich vom Baum in den Mund landen, sondern es bis in die Küche schaffen.

Und ob Sie sich die feinen Nachspeisen im Kuchencafé um die Ecke oder im Sternerestaurant schmecken lassen, oder selbst nachkochen, bleibt ebenfalls Ihre Entscheidung. Wir wünschen guten Appetit und ebenso viel sinnlichen Genuss wie unsere Autorin ihn unterm Kirschbaum erleben durfte.

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