Rum und der Rhythmus der Natur

Dschungelgeschichten von Iris Disse.

»Ich hab keine Zeit, ich hab keine Zeit, keine Zeit keine Zeit keine Zeit …«

Sie kennen das Kaninchen aus Alice im Wunderland? Wahrscheinlich war es ein Filmemacher.

Wir hatten es eilig. Präzise, effizient und minutiös vorgeplant gelingt der Film. Jeder Tag kostet. Zeit ist Geld, viel Geld – das ist die erste der unromantischen Realitäten, die Du als Filmemacher verstehen musst.

Ecuador

Wir hatten für die Hinfahrt einen Tag einkalkuliert: Wir fahren im Motorkanu von Borbon aus, dem Holzfällerdorf am Fluss, den Rio Cayapas hoch. Am Nebenfluss werden wir erwartet von zwei kräftigen Männern mit ihrem Einbaum, in dem wir dann ins Dorf der Chachi-Indianer gepaddelt werden sollen, tief im Dschungel. Hier wollen wir ein Heilritual mit einem der Meister-Schamanen dieser Ethnie filmen – einen Tag hin, einen Tag und zwei Nächte dort, einen Tag zack zurück.

Ein Hoch dem Produzenten: José und Miguel stehen wirklich da mit ihren Paddeln, wow, mitten im Dschungel der Fahrzeugwechsel, und los geht es, flussaufwärts. Das Wasser kristallklar. Feuerrote Libellen stehen in der Luft über dem Wasser, die Sonne durchbricht das Blätterdach, Licht und Schatten jagen sich. Ein bunter Eisvogel begleitet uns, pfeilt am Ufer lang an uns vorbei, und nach der nächsten Kurve ist er wieder da.

Dann ein lautes Rascheln und Keckern im Bambus und den dichten Bäumen vor uns: eine kleine Affenhorde wechselt zur anderen Flussseite. Ein Junges bleibt sitzen und schaut uns interessiert an, aber da ist schon die Mutter, es steigt auf deren Rücken und sie verschwinden im Grün. José steht vorne am Bug des Kanus mit nacktem Oberkörper, paddelt stetig, die Muskeln spielen geschmeidig bei jedem Paddelschlag. Er strahlt Gelassenheit und Kraft aus, so wie wir uns das wünschen in unserer westlichen Indianerromantik, und ich filme ihn begeistert. Immer wieder zeigt er uns hier einen versteckten Vogel, dort eine kleine rote Schlange, die schwimmend den Fluss kreuzt, den Kopf hoch erhoben.

Ich filme, der Tonmann Hernán nimmt den Dschungelsound auf – so soll es sein.

Dann heisst es: aussteigen, der Fluss ist an dieser Stelle zu flach. Wir waten durch eine kleine Stromschnelle. Wir »civilizados«, die »Zivilisierten«, wie man uns hier nennt, dürfen nicht helfen, das Kanu zu schieben und zu ziehen – das traut man uns nicht zu.

Die Aktion nimmt einige Zeit in Anspruch.

Wieder müssen wir aussteigen. Diesmal stoppt uns eine Sandbank, und man muss man das Boot mehr tragen als schieben und ziehen, so flach ist das Wasser.

Dann liegt ein Baum quer, wieder ein Halt, und mit der Machete wird ein Durchgang für das Kanu geschaffen. Langsam werden wir müde, der Hintern schmerzt, der Fluss wird immer schmaler und flacher. Der Himmel bedeckt sich, Donner grollt.

»Wenn es regnet in den Bergen, steigt das Wasser in Minutenschnelle. Schau, so hoch ist der Wasserspiegel dann«. Am Ufer sehen wir eine getrocknete Schlammbank und ein Kanu 200 m weit weg auf dem Trockenen. »Wenn wir Glück haben, steigt der Fluss, dann kommen wir morgen noch an«.

»Morgen, José? Sagtest Du morgen?« Ich höre es selbst, meine Stimme steigt in der Tonhöhe. »Heute müssen wir ankommen, hörst du, heute!«

»Das schaffen wir nicht mehr«, sagt José gelassen. »Du siehst das doch. In einer Stunde ist es dunkel. Ich hoffe, wir sind bis dann beim Haus der Familie Cervantes, da können wir schlafen.«

Wir malen uns nicht aus, wo wir sonst schlafen. Ich flippe fast aus: »Man hat mir gesagt, wir sind an einem Tag locker da«. José bleibt ruhig, grinst, er scheint die Szene zu geniessen.

»Hey mujer, wir sind keine Regenmacher.«

Wir sehen es von Weitem zwischen Palmen am Ufer: das grosszügig gebaute zweistöckiges Holzhaus der Familie Cervantes. Als wir näher kommen, traue ich meinen Augen kaum: der zweite Stock hat nur eine Holzwand zur Wetterseite hin. Davor eine grosse, weinrote Couch mit zwei riesigen Sesseln links und rechts daneben. Ein Mann und eine Frau winken uns zu, rufen etwas, José und Miguel lachen, antworten. Kinder tauchen auf, mindestens 10, und dann kommen die Jugendlichen, und alle erwarten uns, als wir über eine Schlammbank watend ans Ufer kommen.

Man nimmt uns auf. Wir sitzen auf dem roten Sofa, bekommen grüne Bananen mit Bohnen und Fisch zu essen. Einer der Jugendlichen wird von den anderen vorgeschoben, und dann rappt er los, irgend einen Song, wo es darum geht, dass wir das Haus niederreissen in der Freudenextase eines Festes. Dann ist auch der Mond da, glitzert auf dem schmalen Flüsschen.

Auf dem Tisch eine Flasche Rum zu Ehren der Gäste. Wir trinken, noch einen und noch einen, werden fröhlich, lachen. »Somos familia, wir sind doch alles eine Familie«, sagt die Frau des Hauses und strahlt mich an. Ich bekomme feuchte Augen vor Rührung über die Gastfreundlichkeit der sogenannten »Ärmsten der Armen«.

… und ich bin wieder angekommen in der Zeitlosigkeit. Es ist mir jetzt ganz klar: Ich kann nichts tun, um weiterzukommen. Gar nichts. Überhaupt nichts. Und plötzlich bin ich fröhlich. Das alte Wort wohlgemut trifft es noch besser. Alles ist wie es ist, und es ist gut so.

Nix zu tun. Ich beobachte, wie die Frauen das Niedrigwasser nutzen, um unter Steinen Flussgarnelen zu fangen. Eine Delikatesse.

An der anderen Flussseite baut man gemeinsam ein neues Hüttenhaus. Alle machen alles zusammen, und das scheint Spass zu machen. Man steht früh auf, geht früh ins Bett. Arbeit gibt es hier nicht. Nur Leben.

Am Nachmittag kommen noch Nachbarn, man sitzt und diskutiert und lacht, bis zum Einbruch der Dunkelheit. Der Rum ist alle, es war die einzige Flasche im Dorf … aber es braucht ihn nicht.

Ich denke an unseren Zivilisationsstress. Die Trennung zwischen »Arbeit und Freizeit« erscheint mir jetzt kläglich.

Hier schlägt das Leben im Rhythmus der Natur. Hingabe. Die Zeit steht still, das ticken der inneren Uhr ist weg. Warten, bis der Regen fällt in entfernten Bergen. Irgendwann.

 

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