Son of a bitch – Give me Evan Williams

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Clubkonzerte in Berlin. Alte Postfuhrämter und ehemalige Fabrikhallen, kleine Jazzclubs aus der Vorwendezeit und umkonzeptionierte Konzepthallen ohne »proof of concept«. Und Kneipen. Kneipen mit Bühnen und ohne. Aber Musik ist überall drin und regelmäßig sollte man sich flaschenbiererprobt und tresengestärkt den einen oder anderen Liveact ansehen. Oder antun. Oder sich daran gütlich tun. Wenn man schon hier lebt, hier im ehemals geteilten Land des achtmonatigen Winters und des mediocren Musikgeschmacks. Hier, wo es Bands aus Schwandorf und aus New York schaffen oder verglühen. Der Dschungel war mir nicht vergönnt, ich hab ihn noch von außen gesehen, im Tresor hat’s immer gestunken, nach Schimmel und Red Bull, der alte Sage Club war die Schlange wert, die mich später das Berghain zweimal Lebenszeit gekostet hat. Mit und ohne Erfolg. Besser ist’s im A-Trane, im Quasimodo, im Lido, im Bassys und im Wild at Heart. Finde ich. Kleiner, intimer und man sieht besser. Ein junger Haudrauf aus Kentucky hatte es uns angetan, doch nach dem Konzert im Friedrichshain wollten wir schnell zurück nach Westen. Savignyplatz statt Simon-Dach-Strasse. Tresen statt Rollkoffer. Whiskey statt Jägermeister. Im Taxi lief Nathaniel Rateliff, dank oder für uns … laut.

 

 

I'm gonna need someone to help me
I'm gonna need somebody's hand
I'm gonna need someone to hold me down
I'm gonna need someone to care
I'm gonna writhe and shake my body
I'll start pulling out my hair
I'm gonna cover myself with the ashes of you
And nobody's gonna give a damn!

Lederjacken kleben aneinander, der Januarregen prasselt die spärlichen Plusgrade weg, kalte Füße und immer noch zu wenig getrunken. Wir drängen uns lachend und fluchend, Geheimratsecke an Geheimratsecke durch die Tür des unvergänglichen Etablissements, hinein in die ewige Geborgenheit der einzigen Kneipe Berlins, die sich nimmer ändern wird. Angeblich verkehrten hier früher RAF-Sympathisanten, und einige wirkliche End-Endsechziger verkehren hier noch immer jeden Abend. Mit wem sie sympathisieren? Nicht mit meiner Erinnerung an diese Zeit. Kalte Bahnhöfe, Fahndungsposter und Misstrauen. Eher mit der fetten Katze und dem schlanken Koch, der phantastische Buletten macht. Und Soleier. Wir schütteln uns und fragen, wo wir sitzen dürfen. Macht man hier so. Dürfen an die Bar.

Now for seventeen years I've been throwing them back
Seventeen more will bury me and
somebody please just tie me down
or somebody get me a goddamn drink

Bier und Whiskey. Kentucky Straight Bourbon, heute. Sonst gibt’s Irish hier, ist halt more working class hero. Sie haben Evan Williams. Der Bassist war grandios, Lauf um Lauf, schnauft mein Bester, zum dritten Mal seit der Zugabe. Und das Sax, das Sax auch! Wir bestehen auf kleine Stamper und Nachgießen, wie im Süden üblich. Wir würden uns auch Hatfield und McCoy nennen lassen und über den Sezessionskrieg streiten und über den Grenzverlauf unserer Farmen, und über Gerichtsbarkeiten in West Virginia und Kentucky. Aber so betrunken sind wir noch nicht. Wir lamentieren nicht, wir wissen, was wir gesehen und gehört haben. Wir wissen, wie gut das tschechische Budweiser vom Fass ist und wie gut der Whiskey schmeckt. Und dass uns die Buletten morgen den Tag retten werden.

Son of a bitch, give me a drink
One more night, this can't be me
Son of a bitch, if I can't get clean I'm gonna drink my life away
Son of a bitch, give me a drink

Die kleinen Gläser knallen so schön auf dem Tresen, der Blick der Barfrau daraufhin löst automatisch die nächste Bestellung aus. Eigentlich das Nachgießen. Die Tropfen auf dem Tresen werden nachdenklich mit Ring- und Mittelfinger aufgenommen und abgeleckt. Der Shot selbst sitzt. Im Nacken, tief. Heute schmeckt das Abflusswasser nach Wein und der Bourbon nach Vanille und Malz und Karamell und nicht nach ewig langen Verkostungsnotitzen. Abwechselnd mit Bier funktioniert das wie A-Dur-E-Moll-A-Dur. For in darkness I was walking and destruction lay around me from a fight I could not win. Verdammt. Andere Band, anderes Zeitalter. Egal. Gimme a drink, gimme a Bourbon!

 

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