Tabakpflanzschule

Die Natur ist reich an den verschiedensten Arten von Tabakpflanzen. Für die Herstellung von Zigarren eignet sich jedoch nur eine einzige: Nicotiana tabacum‹. Doch Vorsicht: Der Tabak dieser Sorte ist zu empfindlich, für Mutationen zu empfänglich und gegenüber konkurrierenden Pflanzen allzu wehrlos, als dass er ohne die Fürsorge des Menschen überleben könnte. Seiner Umwelt gegenüber ist er extrem anpassungsfähig: Ein und derselbe Samen, an verschiedenen Orten der Welt ausgesät, würde geschmacklich stark variierenden Tabak hervorbringen. Wie vermehren sich die Samen?

Willy Alvero berichtet über den Tabak aus der kubanischen Region Vuelta Abajo, wo seiner Meinung nach die weltweit besten Bedingungen für den Tabakanbau vorherrschen …

Nicht jeder Tabaksamen ist es wert, in die kubanische Erde zu gelangen. Auf der Insel nimmt man es mit der Genetik nämlich sehr genau. Der gesamte Prozess der Saatgutaufbereitung unterliegt strenger staatlicher Kontrolle. Keinem Tabakbauern ist es gestattet, auf seiner Plantage anderes Saatgut in den Boden zu bringen als das von den staatlichen Instituten verordnete. Somit bleibt die Reinheit in den Reihen der Tabakpflanzen gewahrt.

Früher war die Kontrolle weniger streng. Als durch Mutationen einige Sorten jedoch unwiederbringlich verlorengegangen waren, tauchten auf den Plantagen Schilder auf mit der mahnenden Aufschrift: »Die Nutzung nicht genehmigten Tabaksaatguts ist verboten!«

Das »richtige« Saatgut bildet auf Kuba die »goldene Reserve« des »braunen Goldes« und wird in speziellen Lagerhäusern unter Gewächshausbedingungen, das heißt in Kühlhäusern gelagert. Mit dieser strategischen Reserve, »Semilla original« genannt, geht man sehr sorgsam um und entscheidet über deren Einsatz individuell und von Fall zu Fall.

Tabakpflanzzyklus

In den Labors zur Saatgutaufbereitung und zur Gewinnung der »Semilla basica« geht es zu wie in einer Klinik: Die Angestellten tragen weiße Kittel, Schutzhauben über den Haaren und Handschuhe – Arbeit unter weitgehend sterilen Bedingungen. Ich kenne zwei solcher Labors auf Kuba. Das eine liegt in der Region Pinar del Río und das andere in San Antonio de Los Baños. Jedes in den Boden gebrachte Körnchen wird hier minutiös beobachtet: Zunächst, um den Moment des Entfernens der oberen Pflanzentriebe nicht zu verpassen, und später, um die Samenkapseln rechtzeitig zu ernten. Das solcherart unter Laborbedingungen gewonnene Saatgut »Semilla basica« wird an ausgewählte Tabacaleros versandt, welche die neue Saat auf kleinen Plantagen und unter Aufsicht staatlicher Inspektoren aufziehen.

TabaksamenDer Prozess der Aufzucht setzt im August ein, rechtzeitig vor Beginn der starken Regenfälle. Für diese Wachstumsperiode sind geringe Feuchtigkeit und gemäßigte Temperaturen optimal. Es werden nicht mehr als fünf Blütenknospen an den Pflanzen belassen, aus denen sich später die Kapseln mit den begehrten Samen entwickeln – 3 in der Mitte und je 2 an den Seiten. Die übrigen entfernt man, damit die verbliebenen Knospen möglichst viele Nährstoffe aufnehmen können.

Pflanzschule

Schon das »richtige« Saatgut heranzuziehen ist nicht einfach. Als noch schwieriger erweist sich jedoch die Aussaat der winzigen Samen (0,1 bis 0,6 mm im Durchmesser) in den Boden. Hinzu kommt, dass sie einzeln ausgepflanzt werden müssen.

Früher füllte man Wasser in eine Gießkanne, gab die benötigte Saatgutmenge hinzu, goß die Mischung über das Frühbeet – und vertraute darauf, dass sich die Samen einigermaßen gleichmäßig über den Boden verteilen würden. Lagen infolge dieser »Gießsaat« Keimlinge dann zu nahe beieinander, konkurrierten sie um Wasser und Nährstoffe und verausgabten ihre Kräfte im Überlebenskampf. Kümmerliche, für die Zigarrenfertigung gänzlich ungeeignete Blätter waren das Ergebnis.

Die Wachstumsbedingungen werden dadurch erschwert, dass der Tabak von Natur aus ein zartes Pflänzchen ist und im Wettkampf mit anderen Keimlingen, die sich zufällig im Beet befinden, leicht ins Hintertreffen gerät. Irgendwann kam den Tabakanbauern der Gedanke, eine Art »Tabakkindergarten« anzulegen und nicht Samen, sondern schon größere, stabilere Pflänzchen in den Boden zu bringen. Die Setzlinge gediehen nun unter Treibhausbedingungen. Schon bald trugen diese Bemühungen erste Früchte, denn es gab weniger Ausschuß, und die Qualität des Tabaks nahm spürbar zu.

Zunächst wuchsen die Setzlinge auf kleinen Plantagen an waldigen Berghängen heran. Der durch Brandrodung gewonnene Boden wurde gepflügt und das Saatgut eingebracht. Solche Bergpflanzschulen nannte man »Semilleros de montes«. Recht schnell stellte sich heraus, dass dieser Ablauf weder praktisch noch effektiv war: Die Pflanzschule lag zu weit von den Plantagen entfernt, was zu logistischen Schwierigkeiten führte. Zu viele Tabaksetzlinge kamen auf dem Transport zu Schaden.

Tabakpflanze

So verlegte man die Pflanzschulen ins Tal und in die Nähe der Plantagen. Die künstlichen Frühbeete, früher »Semilleros artificiales« genannt, haben heute die Bezeichnung »Semilleros tradicionales«. Die Zeiten der Gießsaat gehören mittlerweile unwiederbringlich der Vergangenheit an. Heute werden Spezialgeräte eingesetzt, die ähnlich einer Pistole die Samen einzeln in einem 4 bis 5 cm großen Abstand voneinander in den Boden »einschießen«.

Die Setzlinge wachsen in etwa 35 bis 40 Tagen heran. Anschließend werden sie vorsichtig – die Wurzeln dürfen auf keinen Fall beschädigt werden – aus der Erde genommen, um sie gebündelt und in Körben aus Palmenstroh zur Plantage zu transportieren. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen liegen die Transportverluste bei mindestens 20 % (was allerdings bei der Aussaat bereits einkalkuliert wird).

Eine bedeutend effizientere Methode kam vor gut 10 Jahren auf – die eines Frühbeets in einer »schwimmenden Pflanzschule«. Sie besteht aus einer Art flachen Wanne, in die kleine Pflanztöpfe mit einem Loch im Boden gestellt werden. In die mit Erde und Dünger gefüllten Töpfe wird mit der »Pistole« jeweils ein Samenkorn eingebracht, ehe sie danach in die mit Wasser gefüllte Wanne gestellt werden.

Die Pflanzen behindern somit einander nicht und sind mit allen notwendigen Nährstoffen versorgt. Sobald sie erstarkt sind und Wurzelballen ausgebildet haben, werden sie  – gleich im Pflanztopf – zur Plantage gebracht. Bei dieser Methode gelingt es, 98 % der Setzlinge zu erhalten.

Bodenbearbeitung

Für den Anbau guten Tabaks genügt es nicht, das Saatgut zu ziehen und die Stecklinge unversehrt in den Boden zu bringen. Auch die Plantage selbst will gehegt und gepflegt werden. Dabei gelten zwei Mindestanforderungen: Sie muss sich an einem nicht allzu steilen Hang befinden, damit das Wasser abfließen kann (bei zu steilen Hängen besteht die Gefahr der Bodenerosion), und vor Nordwinden geschützt sein. In Pinar del Río beispielsweise sorgt eine Gebirgskette für den notwendigen Schutz. Fehlen solche oder ähnliche natürlichen Schutzbarrieren, werden Hecken oder Bäume angepflanzt.

Auch der Boden will gut vorbereitet sein. In der Region Partido beispielsweise lässt man den Boden einmal in vier Jahren ruhen. Die Plantage wird dann an einen anderen Ort verlegt, während man auf dem »Tabakbrachland« etwas anderes anpflanzt, so etwa Bananen, weil sich vor allem die Stauden dieser Obstart besonders günstig auf den Mineralstoffgehalt des Bodens auswirken.

Hingegen kommt der Boden in der Vuelta Abajo seit rund 200 Jahren nicht zur Ruhe. Der Grund: Es gibt hier für die Tabacaleros nirgends »Ersatzland«. Aber das ist auch nicht notwendig, weil der dortige Boden einmalig, seine Ermüdung kaum spürbar und ohne Auswirkungen auf die Tabakqualität ist – vergleichbar etwa mit den besten Weinhängen Frankreichs, die ebenfalls über Jahrzehnte ohne Unterlass genutzt werden.

Statt einer Ruhepause lassen die Tabacaleros in der Vuelta Abajo ihren Böden eine vollwertige natürliche Düngung zukommen. Reste von Tabakpflanzen und Wurzeln der letzten Ernte sowie »Tabakabfall« aus den Trockenhäusern, den Casas del tabaco, werden in die Erde verbracht, sorgt doch solch ein Tabakhumus für einen hervorragenden Nährboden. Leider wird auf Kuba nicht überall Naturdünger verwendet. Auf vielen staatlichen Plantagen wird Kunstdünger eingesetzt, angereichert mit Stickstoff und Phosphor, Kalk und Kalzium.

Bodenbearbeitung, TabakplantageDavon abgesehen erfreuen sich gewöhnliche Hausabfälle großer Beliebtheit. Der berühmte Tabakbauer Alejandro Robaina beispielsweise führte gern Bräuche aus vorkolumbianischer Zeit an, als die Einheimischen ihre Hausabfälle als gute Helfer für die Tabakernte zu schätzen wussten. Deshalb sammelte Don Alejandro übers ganze Jahr sorgfältig seine Abfälle. Manchmal werden die Kompostgruben auch mit Tabakpflanzenresten und Maisblättern, Gras und Blattwerk aufgefüllt. Um die Kompostbildung zu fördern, wird die Grube ständig feucht gehalten. Ist sie voll, wird sie mit einer 20 bis 25 cm dicken Erdschicht abgedeckt und eine neue angelegt. Je höher das Aufkommen von derartigem »Biomüll«, desto mehr ist von dem nützlichen »Endprodukt« verfügbar.

Es wird aber auch mit Mist gedüngt. Hervorragend geeignet ist Pferdemist, der dem Tabak angenehme Tier- und Lederaromen verleiht. Maultierdung beeinträchtigt das Tabakaroma geringfügig, während Schweine- und Schafmist gänzlich ungeeignet sind  – die Blätter bekommen dann hernach ein scharfes, saures Aroma. Es eignen sich auch Kuhfladen, die jedoch zunächst »aufbereitet« werden müssen. Dazu werden ganz gewöhnliche Regenwürmer eingesetzt, um die in ihnen vorhandenen toxischen Stoffe abzubauen.

Der fertige Mist wird vom Bauern sorgfältig auf das Feld verbracht und untergepflügt. Immer kommt auch Sand hinzu, der den Boden auflockert und für die Wurzeln gut durchlässig macht. Allerdings wird der Sand bei Regen auch zuallererst ausgewaschen und muss deshalb jedes Jahr neu eingearbeitet werden.

Der Boden wird ausschließlich mit Ochsengespannen und hölzernen Pflügen bearbeitet. Traktoren kommen so gut wie nie zum Einsatz, da sie den Boden zu sehr verdichten würden. Nach dem Pflügen werden die großen Erdbrocken mit Harken zerkleinert. Sodann wird erneut und diesmal tiefer gepflügt. Und dann geht man immer wieder mit Harken übers Feld, bis der Boden gut aufgelockert ist. Ende August muss die Plantage vollständig vorbereitet sein, damit alles, was danach in die Erde eingebracht wird, bis zur Auspflanzung der Setzlinge im Oktober verrotten kann.

Auspflanzung

Nach der Bodenaufbereitung beginnt die Pflanzzeit. Der Tabakbauer nimmt den Setzling aus dem Bündel (wenn er nach der Methode der »Semilleros tradicionales« gezogen worden ist) oder samt Erdballen aus dem Topf (bei der Methode der »schwimmenden Pflanzschule«), bohrt mit dem Finger eine Vertiefung in den Boden und setzt die Pflanze ein. Um die zarten Wurzeln und Blätter nicht zu beschädigen, werden hierbei keinerlei spitze oder metallene Gegenstände benutzt. Dann, nach 20 bis 25 Tagen, geht man nochmals mit dem Ochsengespann über die Plantage, um den Boden aufzulockern und die Pflanzen anzuhäufeln. Durch diesen Vorgang wachsen die Wurzeln nicht seitlich, sondern nach unten.

Viel Energie wird auf die Unkrautbekämpfung verwendet. Täglich müssen die Arbeiter mit ihren Jäthacken und Haumessern übers Feld gehen, um Unkraut zu entfernen, das dem Tabak ansonsten wichtige Nährstoffe stehlen würde. Alle Arbeiten werden entweder früh morgens (von 5.00 bis 10.00 Uhr) oder nachmittags verrichtet (nach 16.00 Uhr).

Haben schließlich die Pflanzen die nötige Größe erreicht, werden die Gipfeltriebe geköpft. Das geschieht immer per Hand, da Scheren oder Messer die oberen zwei, zu diesem Zeitpunkt noch sehr zarten Blätter (Coronas) verletzen würden. Das ist auch der Grund, warum sich die Arbeiter, die mit dem Entfernen der Blütenstände (Köpfen) und der Seitentriebe (Geizen) betraut sind, zu dieser Zeit nur selten die Fingernägel schneiden. Das Köpfen der obersten Triebe fördert übrigens die Konzentration aller Kräfte in den Blättern. Allerdings beschleunigt es auch das Wachstum der Seitentriebe am Pflanzstiel, die es ebenfalls zu entfernen gilt.

Tabakpflanzschule: Das Köpfen der Gipfeltriebe

Beim Tabak für das Deckblatt werden die Knospen oberhalb der 9. Blattebene, bei Blättern für die Einlage der Zigarre oberhalb der 6. oder 7. Ebene entfernt. Erntet der Tabacalero »Blatt für Blatt«, entfernt er jene Knospen, die sich auf den Blattebenen 6 bis 8 befinden. Werden bei der Ernte mehrere Blätter am Stiel gepflückt, geschieht das auf den Ebenen 5 und 6. Übrigens finden sich alle positiven wie negativen Eigenschaften des Tabaks gerade in den Knospen versammelt. Sie werden deshalb rechtzeitig entfernt, damit sie den Blättern nicht jegliche Kraft nehmen.

Doch es gilt noch auf weiteres zu achten, so etwa auf die Pflanzabstände beim Auspflanzen. Staatliche Standards schreiben die Einhaltung von circa 30 cm vor. Alejandro Robaina hingegen pflanzte mit einem etwas größeren Abstand (40 bis 45 cm) und erklärt sein Tun damit, dass sich die Pflanzen ansonsten gegenseitig behindern und die Blätter zu klein geraten würden. Wenn sich eine Tabakpflanze jedoch allzu wohl fühlt, gehen zu groß geratene Blätter gelegentlich zu Lasten der Kraft (und des späteren Geschmacks). Wie so häufig im Leben, so kommt es auch hier auf die berühmte goldene Mitte an.

Der Zwischenraum zwischen den Pflanzreihen beträgt etwa 90 cm. Wenn die Blätter heranwachsen, ist darauf zu achten, dass sie bei der Feldarbeit nicht beschädigt werden. Fahrlässiges Handeln der Tabacaleros kann nämlich zu einem erheblichen Ausschuß führen (der bis zu 25 % ausmachen kann). Auch das Tragen eines Hutes sollte tunlichst vermieden werden, da die Krempe die Blätter beschädigen könnte. Schließlich ist es ratsam, die Pflanzkorridore nicht vertikal zum Hang anzulegen, weil dabei zuviel Mutterboden verlorengeht.

Unter dem Schutzschirm

Das Areal einer Plantage, auf dem Deckblätter angebaut werden, wird vorsorglich von einem gut zwei Meter hohen Gazezaun eingefriedet. 10 bis 15 Tage nach der Auspflanzung der Setzlinge wird auch Gaze über die Pflanzen gespannt. Hierfür nutzt man einen horizontal über die gesamte Plantage gespannten Draht. An ihm sind die Fäden befestigt, die – am Pflanzenstiel festgebunden – die Pflanzen abstützen.

Die Pflanzen für Deckblätter sind höher als die anderen Tabakpflanzen und könnten ohne Befestigung leicht umknicken. Der Gazestoff mindert die Intensität der Sonneneinstrahlung um 30 bis 35 %. Die Temperaturen sind hier um 2 Grad Celsius und der Feuchtigkeitsgehalt um 2 % höher, als das ohne den Schutz der Fall ist. Durch dieses Procedere wird die Blattoberfläche glatter und elastischer. In der Wachstumsphase wird der Tabak übrigens nicht bewässert. Ausnahmen gibt es lediglich während der Trockenzeit sowie dann, wenn die Pflanze Schin bis zur 7., 8. Blattebene gewachsen ist, sich jedoch noch keine Knospen ausgebildet haben.

Gazezaun über einer Tabakplantage

Die Schattenaufzucht kam zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Zuerst verwendet man Palmenblätter. Die Gaze erwies sich jedoch als effizienter und wurde schon bald großflächig eingesetzt.

Der Zeitpunkt der Ernte hängt von vielen Faktoren ab, und nur ein erfahrenerer Tabacalero vermag ihn sicher zu bestimmen. Neben der Blattgröße und dem Alter der Pflanze gibt ed noch andere untrügliche Anzeichen. Beispielsweise liefert das Ausfallen der feinen Blatthärchen einen Anhaltspunkt, ebenso das beginnende Eingilben des Blattes, aber auch leicht abgesenkte Blätter.

Alejandro Robaina verliess sich stets auf seine eigenen Gesetze. So fuhr er seine Ernte bei abnehmendem Mond ein. Da haben die Pflanzen weniger Saft. Seine Pflanzzeit hingegen fiel in die Zeit des Vollmonds. Vielleicht war er ja deshalb der beste Tabakbauer auf Kuba …

 

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