Tischhumidore

Was platonische Liebe mit dem Kauf eines Humidors zu tun hat.

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Einmal ehrlich: Hatten Sie nicht auch schon einmal die Idee, Ihre Zigarren lieber frisch beim Händler zu kaufen, der sie stets optimal lagert, weil jene Zigarren, die in Ihrem Humidor liegen, in ihrer Qualität sukzessive schlechter werden? Stellen Sie sich vor, Sie erwarten einen wichtigen Gast, der zudem ein ausgewiesener Zigarrenkenner ist. Würden Sie ihm guten Gewissens eine Zigarre aus Ihrem Humidor anbieten oder nicht doch vorsichtshalber einen Tag zuvor Ihren Händler aufsuchen und bei ihm Zigarren kaufen? Einen solchen Gast wollen Sie ja nicht enttäuschen, oder? Und stellen Sie sich weiter vor, dieser wichtige Gast ist weder eine Größe aus der Welt des Showbusiness oder des Sports noch ein hochrangiger Politiker oder ein einflußreicher Wirtschaftsführer, sondern der wichtige Gast … sind Sie. Ja, Sie selbst laden sich ein zum Genuss einer guten Zigarre.

Irgendwann haben Sie sich einen Humidor angeschafft. Aber nach welchen Kriterien haben Sie ihn ausgewählt? Ich bin mir sicher, Sie sind dabei analog zur Auswahl Ihrer Lebensgefährtin bzw. Ihres Lebensgefährten vorgegangen. Die wenigsten Menschen verlieben sich rein platonisch. Erinnern wir uns: Platon schildert, wie der junge, schöne Alkibiades vergeblich versucht, den alten, häßlichen und vertrockneten Sokrates zu verführen. Der Umworbene schlägt statt der sexuellen Vereinigung eine höhere, nichtkörperliche Form der Liebe vor, in der die Seelen zueinanderfinden mögen.

Hand aufs Herz – wenn Sie Ihren Partner nicht des Geldes wegen ausgewählt haben, dann bleiben nur noch die seelisch-charakterliche Komponente und das optische Erscheinungsbild übrig. Letzteres, also das Aussehen, wird wohl der entscheidende Punkt beim Kauf Ihres Humidors gewesen sein. Und genau darin liegt das Problem. Sie hätten gleichermaßen auch auf die Seele, auf die inneren Werte des Humidors – und das ist seine Konstruktion – achten müssen. Haben Sie das nicht getan, dann ist es wie in der Liebe – Sie haben womöglich eine Enttäuschung erlebt. Die Gründe für jene Enttäuschung sind schnell aufgezählt:

Minderwertige oder falsche Materialien im Inneren des Humidors

• Unsinnige Humidorkonstruktionen

• Mangelhafte Befeuchtung und fehlende Luftzirkulation

Zur Konstruktion von Tischhumidoren und zum Aussagewert des Preises

Handelsüblicher Humidor
Schnitt durch einen handelsüblichen Humidor

 

Die meisten Humidore, die im Handel zu erwerben sind, sind nach dem gleichen Konstruktionsprinzip aufgebaut: Die Wände bestehen aus einem verzugsfreien Schichtpressstoff, beispielsweise einer ›Mitteldichten Faserplatte‹ (MDF). Das Äußere wirbt entweder mit einer farbigen Lackierung oder einem aufgelegten und klarlackierten Furnier. Im Inneren schließlich sind die Flächen mit einem weniger als ein Millimeter dünnen Furnier aus Spanischem Zedernholz beklebt. In größeren Humidoren ist nicht selten noch ein Tablett als zweite Etage eingesetzt sowie der passive Befeuchter und das unvermeidliche Hygrometer im Deckel plaziert. Das ist es dann auch schon.

Ein guter Humidor muß keinesfalls ein Vermögen kosten. Bedenken Sie: Die Kosten eines Humidors der preislichen Spitzenklasse werden zu einem Großteil von seiner Oberfläche bestimmt. Ein edles Furnier, zwanzig Schichten Polyesterlack von Hand auspoliert – das erfordert nicht nur Handarbeit, sondern auch eine Unmenge von Zeit. Wir wollen hier bewußt nicht auf das äußere Gestaltungs- und Erscheinungsbild eines Humidors eingehen – schöne Humidore gibt es viele, doch es gilt, unter all den ansprechenden Behältnissen diejenigen herauszufiltern, welche auch tatsächlich funktionieren.

Spanisches Zedernholz

Die Aromen des Tabaks und die im Spanischen Zedernholz enthaltenen Aromata sind sich sehr ähnlich. Das begründet auch die Harmonie der beiden Komponenten. Lagern Sie Zigarren in einer neutralen Umgebung, so werden sie im Laufe der Zeit einen Gutteil der für die Nase wahrnehmbaren Aromen verlieren. Wenn Sie dagegen Zigarren in einer Umgebung lagern, in der sie von einem anderen aromatischen Holz beeinflußt werden, beispielsweise Kanadischem Zedernholz, dann werden sie nach kurzer Zeit wie ein Schuhspanner riechen, da Tabak unglaublich schnell Fremdaromen annimmt. Aus diesem Grund ist eine aromenaffine Umgebung so elementar wichtig. Die Wirkung des Spanischen Zedernholzes kann indes mit einem Geschmacksverstärker verglichen werden – es fördert den Aromenerhalt des Tabaks, ohne dabei dessen Eigenaroma zu überdecken.

So gut dieses Holz den Tabak unterstützt, so schlecht ist seine Eigenschaft, hin und wieder »auszuharzen«, also an seiner Oberfläche klebrige Stellen hervorzubringen. Genaugenommen handelt es sich hier nicht um Harz, sondern um eine kautschukähnliche Verbindung aus Arabinose, Galaktose und Xylose.

Bleiben wir jedoch der Einfachheit halber bei dem Begriff »Harz«. In unserem Fall sind darin jene im Holz wirksamen Geruchskomponenten enthalten, die eine so hohe Affinität zum Tabak haben. Mitunter führt besagtes Ausharzen zu einem wenig nützlichen Tun: Weil die Flecken an der Holzoberfläche nicht unbedingt dekorativ zu nennen sind, werden die Furniere aus Spanischer Zeder häufig mit Aceton ausgewaschen. Nach dieser Prozedur harzt sicher nichts mehr aus – und genauso sicher sind alle wichtigen Aromen nicht mehr vorhanden.

Zwar ist der Humidor nach wie vor mit Spanischer Zeder ausgekleidet, aber dieser Umstand kann lediglich als Verkaufsargument herhalten – die Lagerungsqualität ist praktisch dahin. Um den beschriebenen Unannehmlichkeiten vollends aus dem Weg zu gehen, wird bei der Auskleidung manchmal gänzlich auf Spanische Zeder verzichtet oder das Innere gewachst oder lackiert. All das dient zwar der Vereinfachung, nicht aber dem Wohl der Zigarren, die in solche Kisten zu liegen kommen.

Es spielt jedoch nicht nur das verwendete Holz, sondern auch die Dicke der Auskleidung eine entscheidende Rolle. Wenn auf einer ›MDF‹-Platte ein 0,7 Millimeter starkes Furnier aufgeklebt ist, dann kann das Spanische Zedernholz zwei wichtige Funktionen im Humidor nicht übernehmen: Es kann weder auf Dauer den Aromenerhalt gewährleisten, noch kann es als Feuchtepuffer dienen, da sich hinter dem 0,7-Millimeter-Furnier eine Leimschicht befindet, die wie eine Dampfsperre wirkt.

 

Sinnvolle Humidorkonstruktion mit Aromaschlitzen
Sinnvolle Humidorkonstruktion mit Aromaschlitzen

 

Ein guter Humidor sollte einen Korpus haben, dessen Holz sich möglichst nicht verziehen kann (das darf durchaus ›MDF‹, auch Multiplex sein) und im Inneren über eine Auskleidung von 5 bis 7 mm unbehandelter, geschliffener Spanischer Zeder verfügen. Um beim eventuellen Ausharzen ein Festkleben der Zigarren am Holz zu verhindern, sollte das Spanische Zedernholz im Inneren des Humidors wiederum mit einem geruchlosen Furnier (Mahagoni, Gabun) belegt sein. Danach werden in dieses »Sandwich« senkrechte Schlitze an der Vorder- und Rückseite des Humidors gefräst, die so tief sind, dass sie in das Zedernholz hineinreichen. Diese  ­Schlitze sorgen bei den gelagerten Zigarren für eine freie Entfaltung der Aromen, dienen gleichzeitig aber auch als Führungen für Unterteilungsbrettchen im Humidor. Selbst wenn in den Schlitzen »Harz« austreten sollte, kommen die Cigarren nicht mit der klebrigen Masse in Berührung. Die Schlitze mögen zwar etwas ungewohnt aussehen, aber diese Ausführung ist dennoch die intelligenteste bei der Konstruktion eines Humidors.

Was es mit Tablarbrettern …

Größere Tischhumidore, deren Befeuchter mittels eines Magnetstreifens im Deckel angebracht sind, verfügen häufig über eine zweite Etage in Form eines herausnehmbaren, gelochten Tabletts. Dieses Tablett bzw. Tablarbrett schließt meist bündig zur Oberkante des Humidorkorpus. Das Ergebnis solch einer Konstruktion treibt dem Zigarrenliebhaber allerdings Tränen in die Augen: Zum einen sind die Zigarren, die auf dem Tablarbrett liegen, aufgrund ihrer unmittelbaren Nähe zum Befeuchter schon nach relativ kurzer Zeit weich und matschig, während die feuchte Luft gar nicht in die Zone gelangen kann, in der die meisten Zigarren liegen, nämlich in den unteren Teil des Humidors. Solch eine Konstruktion – leider tausendfach anzutreffen – macht absolut keinen Sinn.

Unterschiedliche Tablarkonstruktionen in einem handelsüblichen Humidor
Unterschiedliche Tablarkonstruktionen: Im Gegensatz zum unteren lässt das obere Tablar keine Luftzirkulation zu

 

Wenn schon ein derartig konstruierter Humidor über ein Tablarbrett verfügt, dann dürfen auf diesem Tablett keine Zigarren liegen, und zudem sollte der Boden des Tablarbretts in diesem Bereich wie ein Sieb aussehen, also maximale Öffnungsfläche haben, damit sich die feuchte Luft wie durch einen Schacht im Humidor fortbewegen kann. Tablarbretter sollten jedenfalls so gebaut sein, daß der Besitzer des Humidors genötigt wird, Platz zu verschenken – er darf direkt unter dem Befeuchter einfach keine Zigarren lagern können.

… mangelhaften Befeuchtern …

Ein klassischer passiver Befeuchter besteht aus einem Metall- bzw. Kunststoffgehäuse, in dem sich ein Speichermedium für destilliertes Wasser befindet. Hierbei handelt es sich in der Regel um Schäume oder Schwämme, Acrylpolymere oder Bimssteine. Diese Medien speichern das Wasser und sollen es – angeblich – »kontrolliert« an die Umgebung abgeben. Wie eine solche »Selbstregulierung« vor sich geht, ist bis heute ein Geheimnis …

Acrylpolymere, Bimssteine, Schäume und Schwämme: klassische passive Befeuchter im Humidor
Acrylpolymere, Bimssteine, Schäume und Schwämme sind klassische passive Befeuchter

 

Warum verdunstet Wasser auf der Straße nach einem Regenguss relativ schnell? Weil die Umgebungsfeuchte geringer ist als unmittelbar über der Wasseroberfläche. So wie die Pfütze nicht aufhört zu verdunsten, wenn es aufgehört hat zu regnen, so hört auch ein passiver Befeuchter nie auf, Feuchtigkeit an die Umgebungsluft abzugeben. Bis zum bitteren Ende. Es kommt zum Dilemma: Herrscht im Inneren des Humidors eine zu hohe Feuchtigkeit, besteht bei den Zigarren die Gefahr der Schimmelbildung; dieser Gefahr kann zwar durch Öffnen des Humidors – etwa 5 Minuten am Tag –begegnet werden, aber so können die Zigarren nicht ihr Aromenspektrum ausschöpfen bzw. werden sogar an Aroma verlieren.

… und Hygrometern auf sich hat

 

Ein handelsüblicher Humidor
So sollte ein Humidor nicht konstruiert sein

 

Nahezu alle Standard-Hygrometer, die für Humidore konzipiert und zu kaufen sind, messen meist nicht das präzise, was sie eigentlich messen sollen, nämlich die relative Luftfeuchte. Befeuchten Sie Ihren Humidor elektronisch, erübrigt sich der Erwerb eines Hygrometers, weil das in der Sensorik des Befeuchters schon eingebaut ist. Wenn Sie dagegen weiterhin passiv befeuchten wollen, dann sollten Sie ein synthetisches Haarhygrometer verwenden. Solch ein Gerät liefert wenigstens ansatzweise präzise Werte – »ansatzweise« deshalb, weil Sie hier mit einem Meßfehler von ca. 5 % rechnen müssen, vorausgesetzt, das Gerät ist perfekt kalibriert. Außerdem ist es unbedingt notwendig, das Gerät regelmäßig nachzukalibrieren, da Sie sich ansonsten an völlig falschen Werten orientieren. Von kostengünstigen digitalen Hygrometern (bis ca. 70 Euro) ist indes völlig abzuraten, da sie nicht langzeitkonstant sind, das heißt, ihre Präzision lässt im Laufe der Monate nach; Abweichungen von bis zu 20 % sind dabei keine Seltenheit. Wirklich präzise digitale Hygrometer sind nicht unter 200 Euro zu haben; sie ähneln jedoch eher einem Handfunkgerät als einer Messuhr und passen auch nicht in einen Tischhumidor bzw. benötigen überproportional viel Platz. Setzen Sie also entweder ein präzises synthetisches Haarhygrometer ein, oder befeuchten Sie gleich elektronisch.

Aufwendige Mechanik eines Haarhygrometers (oben) und primitive Mechanik eines Spiralhygrometers in einem Humidor
Aufwendige Mechanik eines Haarhygrometers (oben) und primitive Mechanik eines Spiralhygrometers

Fazit

Die Wirkungskette der Probleme sieht folgendermaßen aus: Die nicht bedarfsgerechte Konstruktion eines Humidors sowie passive Befeuchter begründen das Erfordernis, regelmäßig den Humidor zu lüften. Das wiederum wirkt sich nachteilig auf die Aromenentfaltung der Zigarren aus. Wird dagegen nicht gelüftet, so kommt es zur Überfeuchtung und bei den Zigarren zur Gefahr der Schimmelbildung.

Ein Humidor muss intelligent konstruiert sein und eine Luftzirkulation ermöglichen.
Da Luft nicht von alleine zirkuliert, muss aktiv für Zirkulation gesorgt werden, damit Trockenzonen und Feuchtenester im Humidor verhindert werden. Die Befeuchtung muss hundertprozentig bedarfsgerecht sein, das heißt, unter 70 Prozent relativer Luftfeuchte wird Feuchtigkeit aus dem Befeuchter abgegeben, während bei Erreichen der 70 Prozent die gesamte Verdunstung des Befeuchters auf Null reduziert wird. Ein Überfeuchten ist damit ausgeschlossen. Für dieses ganze Procedere ist eigentlich nur ein elektronisch gesteuerter Befeuchter zu empfehlen.

 

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