Tullamore D.E.W. – ein Schluck Irland

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Es sind goldene Zeiten für irischen Whiskey, die wir erleben. Seit Jahren stellt diese Kategorie unter den Spirituosen die am schnellst wachsende dar. Nach langen Jahren eines traurigen Schattendaseins erblüht die große Whiskey-Nation auf der grünen Insel und zeigt eine Vielseitigkeit, wie sie nur noch aus lang vergangenen Erzählungen bekannt war. Diese Renaissance lässt sich wohl an kaum einer Brennerei besser aufzeigen als an Tullamore D.E.W. – ein Whiskey und eine Geschichte, wie sie irischer nicht seien könnten.

Von Katastrophen und dem unbändigen Willen

Noch bevor Michael Molloy 1829 in Tullamore im County Offaly seine Whiskybrennerei gründete, hatte die Stadt schon ihre Geschichten zu erzählen, schließlich begann man hier schon in den 1570er Jahren niederzulassen. Tullamore ist damit eine der ältesten durch Engländer gegründeten Agrarsiedlungen auf Emerald Isle. Es wird viele Geschichten geben, die sich zu erzählen lohnen, eine jedoch ist besonders. Offenbart sich in ihr doch die so typische irische Eigenschaft des Durchhaltens und des gottvertrauenden Nach-Vorne-Blickens.

Schließlich ist es die Geschichte einer Katastrophe, welche sich am 10. Mai 1785 ereignete. Noch lange bevor die Gebrüder Wright begonnen, ihre Flugzeuge zu fantasieren, flogen Menschen mit Heißluftballons. Einer dieser verfing sich an einem Kamin in Tullamore und stürzte ab. Das dabei ausbrechende Feuer vernichtete mehr als 100 Gebäude der Stadt, die größten Schäden gab es in der Patrick Street. Dieses Ereignis gilt als die erste Luftfahrtkatastrophe, doch was genau hat diese Geschichte mit Tullamore D.E.W. und irischem Whiskey zu tun?

Die Gründerjahre und die drei Buchstaben

Tullamore DEW

Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie die Menschen in Tullamore mit den Folgen dieses Desasters umgingen. Sie bauten ihre Stadt wieder auf und trotzten dem großen Unglück in dem sie einfach weitermachten. Und genau dieser Trotz, diese schier unendliche Kraft zum Durchhalten gegen alle Schicksalsschläge ist es, die so typisch ist für die Menschen Irlands. Und für den Whiskey. Mut und Trotz gehören zur irischen Seele und diese beiden Charaktereigenschaften lassen sich auf jeder einzelnen Flasche Tullamore D.E.W. finden – sind sie doch abgebildet in Form der beiden Wolfshunde im ursprünglichen Logo des berühmten Whiskeys, um den es nunmehr gehen soll.

Daniel E. Williams, Tullamore D.E.W.Gegründet wurde die Brennerei – wie schon erwähnt – 1829, nachdem wenige Jahre zuvor die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen wurden, Whiskey legal zu brennen und zu verkaufen. Nach dem Tod Molloys übernahm 1857 sein Neffe Bernard Daly die Brennerei. Seine große Leistung vor der Geschichte bestand jedoch weniger im Destillieren von Whiskey – zumindest ist darüber wenig bekannt – als vielmehr in der Einstellung eines 14jährigen Jungen namens Daniel Edmond Williams. Vom einfachen Helfer arbeitete er sich hoch bis zum Destillerie-Manager. Er war es auch, der voller Stolz seine Initialen an den Namen des Whiskeys hing und mit denen aus Tullamore im Jahre 1887 Tullamore D.E.W. wurde – eine Marke, die bis heute wie kaum eine andere für die besonderen Destillate Irlands steht.

 

Internationaler Durst und irische Identität

Es waren schwere Zeiten für irischen Whiskey in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts und bei Tullamore D.E.W. produzierte Desmond Williams – der Enkel von Daniel Edmond – ganz traditionell seinen Single Pot Still – diese so eigentümliche Art von Whiskey für die Irland berühmt ist.

Iren finden sich mittlerweile auf der ganzen Welt. Die Diaspora des gottesfürchtigen Volkes – angetrieben durch Bürgerkrieg, Hunger und auch zwei Weltkriegen – führte dazu, dass Traditionen und Sehnsucht nach der alten Heimat über den ganzen Globus verstreut sind. Einer der wichtigsten Märkte, vor allem nach der beendeten Prohibition, waren die USA. Von dort kam Williams zurück mit der Erkenntnis, dass die wuchtigen und schweren Pot Still Destillate nicht mehr zeitgemäß waren. Man wünschte sich leichteren und fruchtigeren Whiskey und diesen sollte Tullamore alsbald liefern.

Tullomore D.E.W.

Untergang trotz Anpassung

Er begann mit der Herstellung des heute international berühmten Irish Blend – einer Mischung aus Single Malt, Grain Whiskey und Single Pot Still. Doch trotz aller Bestrebungen war es nicht gut bestellt um den irischen Whiskey. Die Krise, in der sich das Land gefühlt permanent befand, sorgte für einen fast kompletten Zusammenbruch und so schloss auf die Brennerei in Tullamore 1954 ihre Pforten und es folgte eine Loslösung der Marke vom historischen Ort. Das Whiskeyhandwerk in Tullamore starb, die Marke jedoch blieb erhalten und wurde an John Powers & Son verkauft. Wenig später – 1966 – ging Tullamore D.E.W. an die neugegründete Firma Irish Distillers, welche ihre Whiskeys in Midleton destillierte.

Tullamore D.E.W.

Dies war das Schicksal vieler Destillate und symbolhaft für die irische Tradition des Whiskeybrennens. Von mehr als 1.000 Brennereien gab es Mitte des 20. Jahrhunderts noch genau 3. Irischer Whiskey war zu dieser Zeit nicht sonderlich populär und hatte schon lange seine Bedeutung an den neuen Star der Branche verloren: Single Malt Scotch Whisky. Zwar wurde irischer Whiskey auf der ganzen Welt getrunken, doch es fehlte ihm der Glanz vergangener Tage.

Pioniergeist wiederholt sich

Allen widrigen Umständen entgegen glaubte man jedoch an eine Zukunft und irgendwann Ende der 2000er Jahre sollte sich der Trotz, das Durchhaltevermögen und auch der Mut einiger Weniger auszahlen. Der Mut im Falle von Tullamore D.E.W. jedoch fand sich in Schottland in einer Firma, die schon einmal eine Whiskymarke rettete: William Grant & Sons – die Eigentümer von Glenfiddich – investierten 2010 rund £171 Mio. und kauften die Rechte und die Stocks. Produziert wurde weiterhin in Midleton – schließlich gab es die alte Brennerei nicht mehr. Doch man wollte mehr. Man war sich der Bedeutung um Herkunft und Tradition bewusst und arbeitete an der Wiederauferstehung des irischen Whiskeys mit. Die Schotten begannen mit dem Bau einer neuen Brennerei am Stadtrand von Tullamore, welche 2014 feierlich eröffnet wurde.

Phönix aus der Asche

Genau 60 Jahre nach der Schließung begann man in dem geschichstträchtigen Ort wieder mit der Herstellung von Whiskey. Die Brennblasen sind den ursprünglichen Stills von damals nachempfunden. Man ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass damit die produzierten Pot Still Destillate – ob nun der Single Malt oder auch der Single Pot Still – wahrscheinlich anders schmecken werden als jene aus Midleton. Der Blend wird durch die Fähigkeiten der Masterblender – allen voran Brian Kinsman, welcher bei Glenfiddich einen großartigen Job macht – im Aroma identisch sein. Bei den anderen Destillaten wird es aller Voraussicht nach nicht so einfach, aber die historische Bedeutung, die Tradition und die Herkunft sind an dieser Stelle wichtiger, denn schließlich macht man nun wieder Tullamore D.E.W. zu Hause.

Tullamore D.E.W.

Die Geschichte ist ein Sinnbild für die große Erzählung des irischen Whiskeys. Nach langen, dunklen Zeiten erstrahlt die Heimat von uisge beatha in strahlenden Glanz neuer Brennblasen. Wie Phönix aus der Asche erhob sich die Marke – so wie schon die Stadt Tullamore nach dem großen Unglück von 1785 und wird ein neues Kapitel schreiben im Buch der Leidensfähigkeit, aber auch des Trotzes und des Mutes der Menschen Irlands. Charaktereigenschaften wie sie so typisch sind für Emerald Isle, wie auch ein Glas Tullamore D.E.W.

 

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