William Seward Burroughs, 1914 – 1997

Des Teufels Heiliger.

1,020

»The face of evil is always the face of total need.«

6. September 1951, Mexico Stadt:

Wenn man seiner Frau im betrunkenen Zustand in die Stirn schiesst, ist man ein Totschläger. Mit dabei der gemeinsame 4-jährige Sohn, dessen Mutter, Joan Vollmer, er da über den Haufen schiesst. Ganz egal, was sich die mexikanische Polizei und die dazugehörige Behörde dabei gedacht hat. Was William S. Burroughs davor bewahrt hat, in einem Gefängnis zu verrotten, weiss man nicht. Geld dürfte eine Rolle gespielt haben. Immerhin wurde er aus Mexiko ausgewiesen.

Jahre zuvor hatte der saufende, kiffende, heroinabhängige Waffennarr bereits auf seinen Freund geschossen, knapp vorbei, mit dem er sich in der New Yorker Subkultur herumtrieb, fasziniert von Gewalt und Tod und Sex. Er spielte halt gerne mit Pistolen herum. Und mit Schwänzen von kleinen Jungs. Fast nebenbei hatte er in Harvard studiert, zum einen Medizin und zum zweiten Semanik, die Lehre von den Zeichen in Wort, Schrift und Bild.

Semantisches Talent lässt sich auch quer durch seinen literarischen Nachlass verfolgen. Bösartige und hirnquälende Bilder schaffte er. Ein Pandämonium der unausprechlichen Dinge, der undenkbaren Taten. Kein sprachlich feingeistiger Edgar Allen Poe, dieser psychologische Meister von Schrecken und Grauen. Kein tüftelnder Kafka, der Satz für Satz in den Irrgarten von verstörenden Erfahrungen führt.

»Our national drug is alcohol. We tend to regard the use of any other drug with special horror.«

Nichts von dem. Burrougs ist sich selbst am nächsten. Seine Bösartigkeit, sein Rassissmus ist rotblütig und beruht auf Erfahrung, auf den selbstsüchtigen Wahrnehmungen eines eingebildeten Irren, der weder Grenzen setzt noch spürt. Die Sprache ein gehässiges Jammern, kleinliches Herumzicken. Den Ball siebenmal verfehlend, zielt er auf diejenigen Mitspieler, die sich seinen festgefahrenen, stereotypen Beschimpfungen entziehen. Eigentlich schlägt er nur um sich, tobt in seinen ureigenen, egoistischen Welt herum. Er stellte sich vor wie Gehängte bei der Hinrichtung ejakulieren, beschreibt gruselige Verschwörungstheorien, eigens geschaffene Drogenkulte, Ausserirdische und innere Dämonen wirbeln in unzusammenhängenden Sequenzen durch Raum, Geist, Gehirn und Zirbeldrüse.

Solches und Anderes beschreibt er in seinem berühmt gewordenen literarischen Erguss »Naked Lunch«. Er zerschnippselt buchstäblich seine Texte und setzt sie willkürlich neu zusammen. Er befolgt weder die Gesetze der dramatischen Erzählkunst noch die der schönschreibenden Poesie. Seine Wortfetzen berühren tief, schlagen wilde Haken und zerren wilde Asoziationen aus dem Geschlinge der Hirnwindungen des Lesers. So huldigt die sich befreiende Beatgeneration dem bösen Buben Burroughs, weil er eben alles hinrotzte, was ihm gerade in die Schreibfeder tropfte und weil es halt hip war, den Bürgerschreck zu markieren.

Burroughs markierte nicht, Burrougs lebte am Rande eines schrecklichen Abgrundes, dessen Tiefe er tollkühn auszuloten versuchte. Ohne Rücksicht, nicht auf sich selbst und schon gar nicht auf Andere.

»Most of the trouble in this world has been caused by folks who can’t mind their own business, because they have no business of their own to mind, any more than a smallpox virus has.«

Der ganze Schrecken offenbart sich in den realen Opfern. Der Sohn, ebenjener Zeuge der völlig sinnlosen Hinrichtung seiner Mutter durch den eigenen Vater, dessen Namen, William S. Burrougs jr., er als zusätzliche Hypothek in voller Länge tragen muss, wird kein eigenes Leben führen. Der väterlichen Alkohol- und Drogenrausch verpflichten.

Mit 29 Jahren wurde ihm eine neue Leber eingesetzt. Die Lebertransplantation war damals 1976, eine Operation, die gerade mal 30% der Patienten überlebten. Der Jr. tat es und machte weiter mit dem Saufen, versucht sich schreibend von dem Horror, der ihm von seinem Vater auf den Weg gegeben wurde, zu befreien. Seine autobiografischen Texte fanden kaum Beachtung. Einen Tag vor seinem 33. Geburtstag lag er ohne Bewusstsein, unterkühlt und berauscht neben dem Highway. Ein Autofahrer brachte ihn ins Spital, wo er gegen Morgen verstarb.

Während die Menscheit in den Krieg zog – schliesslich galt es nicht weniger, als den Faschismus zu besiegen – fingerte der Sohn eines Antiquitätenhändlers und einer Pfarrerstochter an den Geschlechtsteilen von Männlein und Weiblein herum, alles verspottend, verachtend und mit zynischen Kommentaren begleitend. Immerhin, Grosspapa baute Rechenmaschienen, hatte Geld und das scheint das gründlich missratene Genie nicht ausgeschlagen zu haben.

Es lassen sich in seiner Biografie keine nachweisbaren Erwerbstätigkeiten entdecken. Die US-Army wollte ihn zwar einziehen, merkte aber bei der Musterung, dass dieser waghalsige Psychopath sich nicht miltärisch disziplinieren lässt. William bezog jetzt eine 200-USD-Apanage von seinen Eltern und begab sich nach Tanger in Marokko. Dieses Einkommen genügte, um sich mit Strichjungen und Huren, mit bestem Haschisch und allem anderen, was er so brauchte, zu versorgen.

So what? 

Ein Freak halt und weiter nicht der Rede wert. Wenn sich nicht hinter diesen Nebeln von skrupelloser Ruchlosigkeit eine shakespearsche Persönlichkeit verbergen würde. Glas für Glas, Rausch für Rausch kristalisiert sich ein rebellischer Satyr heraus, der den burgeoisen Normalweltbürgern höhnisch den Spiegel vorhält. Wo sich eine Welt öffnet, in der er, der Antipol, eine harmlose Variante des grossen und hinterhältigen Spiels ist, in dem wir widerrum alle als Gefangene gehalten werden.

Er schreibt, er schreibt viel und wird zum Idol der Generation, die sich nicht um die Ideale der kriegsverschreckten Kleinbürger kümmern will. Gerade hat man allen vorgemacht, wie sich Tausende hinschlachten lassen ohne Sinn und Verstand. Er hat nicht mitgemacht. Er war sich selbst. Er tritt Anstand und Moral mit Füssen. Aus dem Grundrauschen seiner solipsistischen Philosophie steigen fiebrige Kurven auf und ab.

Burrougs wird bereits zu Lebzeiten zum Negativhelden der Beatgeneration. Seine Texte erscheinen zuerst in Untergrundverlagen und werden ab den späten 50ern bei renommierten Verlegern erscheinen. Die Welt der zeitgenössischen Literatur und Kunst entdeckt ihren Enfant terrible. Er wird herumgereicht, von Andy Warhole über Dennis Hooper zu Mick Jagger. In den 80ern wird er dann vollends zur Ikone der Popkultur. Vor allem die männlichen Vertreter dieser langsam bürgerlich werdenden Avantgarde loben ihn als Quelle der Inspiration, als Altmeister der Gegenkultur. Er macht mit, tritt auf in Filmen, performt mit tiefer Stimme und zurückhaltendem Wesen auf Theaterbühnen, als »Spoken Word Performer«. Er wird alt, mit 83 Jahren stirbt er an einem Herzinfarkt.

»You must learn to exist with no religion, no country, no allies. You must learn to live alone in silence.«

Die letzten Bilder zeigen einen älteren, gutgekleideten Herrn, gern mit Hut. Er lächelt nie. Er ist auch nicht zum Lachen. Aber zum Lesen.

William Burroughs
Copyright: www.heightweighnetworth.com/william-s-burroughs

 

Zum Trinken dazu empfehle ich einen immer wieder anders schmeckenden Cocktail, den uns Burroughs Zeitgenosse John Steinbeck in seiner »Strasse der Ölsardinen« beschreibt. Dort arbeitet einer der Protagonisten in einer Bar. Er schüttet während seiner Arbeitszeit die unausgetrunkenen Reste aus den Gläsern der Kunden in einen Plastikeimer unter der Theke. Diesen Eimer nimmt er dann nach Hause und mit dem Inhalt feiern er und seine Mitbewohner dem Morgen entgegen. Sie nennen das Getränk »Old Tennisshoe«.

Sehr zum Wohl!

 

Naked Lunch, William Burroughs

»Naked Lunch«

1959

Verlag: Nagel & Kimche Verlag

Auflage: 3 (4. März 2009)

Sprache: Deutsch

Seiten: 384

ISBN-10: 3312004276

ISBN-13: 978-3312004270

 

William Burroughs; Junkie: Bekenntnisse eines unbekehrten Rauschgiftsüchtigen»Junkie: Bekenntnisse eines unbekehrten Rauschgiftsüchtigen«

1953

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Auflage: 3 (1. Dezember 1999)

Sprache: Deutsch

Seiten: 192

ISBN-10: 3499225891

ISBN-13: 978-3499225895

 

William Burroughs; Radiert die Worte aus: Briefe 1959-1974»Radiert die Worte aus: Briefe 1959-1974«

2012

Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)

Sprache: Deutsch

Seiten: 304

ISBN-10: 3312006015

ISBN-13: 978-3312006014

 

 

 

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