Yin und Yang

Die Polarität der Kräfte

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Ich finde das aufregend. Ich möchte eine Yin-Zeit erleben. Bin schließlich eine superaktive Yang-Frau – wenn man das mal so salopp sagen darf. Geht das eigentlich? So ganz rein? Ich weiß nicht wie. Aber eine meditative Zeit am Meer, nur ich und ich, ohne Buch, ohne Computer, ohne Telefon – das klingt doch wie einwandfreies Yin. Wasser und eine Reise nach innen, wo ich, ohne zu »tun«, in die Welt schaue – ganz weiblich passiv eben. Beobachten, ohne zu urteilen oder zu handeln. Die Zeit, in der ich das tun möchte, ist aber einwandfreies Yang – Sommer eben.

Andererseits ist hier am Äquator Regenzeit, und ein bewölkter Tag im Sommer ist wieder Yin, wie auch der Regen.

Das Mäandern der Zeit im Yin

Mein Haus ist klein. Zwei große schwarze Geierfedern stecken auf der Balustrade am Eingang. Aufrecht schützen sie meinen Ort.

Nein, ich wohne nicht alleine dort. Am Tag füttern unter dem Vordach am Eingang Schwalben ihre Jungen. Sie haben riesige gelbe Schlünde und sie tschilpen und reden den ganzen Tag.

Die Schwalben fliegen um mein Haus, lassen die Scharen von Mücken und Fliegen nicht rein. Ab und zu fangen sie auch einen Schmetterling. Den höre ich weinen, aber es nutzt ihm nichts. Die großen grellen dreieckigen Abgründe verschlingen auch sie. Die Schwalben flitzen und segeln und schlagen Haken. Sie fangen die Beute im Flug. Es sieht so leicht aus.

 

Schwalben füttern ihre Jungen

 

Am Abend, wenn die Schwalben zu den Jungen kommen, um zu bleiben, wird es ruhig im Nest. Aber ich höre andere Stimmen zirpen, ganz in der Nähe. Nein, nicht die Grillen, die höre ich auch. Pfeile schießen aus dem Bambusbalken und im Zickzack flitzen sie um die Palmen. Fledermäuse, ihr unsteten Jäger, beschützt meinen Schlaf.

Morgens ist mein Eingang voller Fledermausdreck. Ich fege ihn weg.

Yang-Wind

Der Wind spielt in den Palmenkronen, dass sie leise klappern und rascheln. Der Wind umspielt meinen Kopf, und ich esse lieber im Haus, denn sein forderndes Yang verwirrt mich. Nachts liebe ich die zärtliche Musik des Windes in den Palmen, wenn ich mich nackt ausstrecke auf meinem Laken.

Ich wohne mit Schwalben und Fledermäusen. Ab und zu scheuche ich in den Schränken auch eine Kakerlake auf. Kleine Ameisen lieben mein Obst. Heute schlendern draußen Pferde den Strand entlang, drei Braune und eine weiße Stute. Darüber freue ich mich, denn Yin, die weibliche Lebenskraft des Universums, wird durch die Stute symbolisiert. Es ist ein graziöses Tier, das in Leichtigkeit große Dinge vollbringen kann.

 

Drei Stuten in der Natur

 

Manchmal sehe ich Yang – da joggt ein Mann vor der Weite des Meeres. Wenn es knattert, ist es der Nachbar mit einem großen vierrädrigen Motorrad. Er hat Gastank hinten drauf.

In der Dämmerung gehe ich spazieren. Die Wolken jagen über den Himmel. Geier sitzen auf einem entwurzelten Baum. Sie fliegen nicht auf, als ich näher komme. Einige kreisen noch in der Luft, elegant und gelassen.

Yang-Nacht

Am Abend bricht ein Gewitter los. Wenn es blitzt, sehe ich im fahlen Licht die weißen Stämme der Kokospalmen, und dahinter das Meer in der Ferne. Einmal sehe ich auch die Silhouette eines Mannes, ganz nah, wo die Palmen aufhören und der Strand anfängt. In der tiefen Dunkelheit nach dem nächsten Blitz sehe ich Lichter vor dem niedrigen Tor. Zünden da Männer eine Cigarette an? Und mein Herz klopft vor Angst.

Dann ein Windstoß, und ich sehe, die Lichter sind weit draußen, ein Fischerboot am Horizont. Der Regen kommt zurück, ganz leicht. Glühwürmchen fliegen um die Palmengipfel. Ist nicht jeder Regentropfen wie ein Steinschlag für so ein kleines Licht? Wie machen sie das?

Yin-Vögel

Heute Morgen kommt ein Geier angelaufen. Vor meiner Veranda bleibt er stehen, wir schauen uns an. Geier sind Yin-Vögel, denke ich, Boten des dunklen Todes. Hurra, ich lebe noch.

 

Geier, böse blickend

 

Ebbe am frühen Mittag. Ich gehe hinaus auf die Sandbank, die wie eine Zunge ins Meer leckt. Das tiefe Blau einer gestrandeten Qualle. Ein großer Krebs mit blauen Scheren läuft vor mir davon. Ich bin von Wasser umgeben. An der Spitze kleine weiße Möwen, die gelassen aufsteigen, als ich mich nähere, und sich nicht allzu weit am Wellensaum wieder niederlassen. Schwarzer Treibsand auf hellem Untergrund schimmert in Regenbogenfarben. Yin und Yang im Regenbogen – alles ist einfach.

Yang-Flut

In der Abenddämmerung sitze ich am Strand weit oben im Geäst des entwurzelten Baumes, dessen Zweige sich bizarr und nackt in die Luft recken. Die Geier sind nicht da. Die Flut ist hoch, die Äste der Krone auf dem Sand werden von den Wellen umspült. Der dicke Ast in Meeresnähe glänzt goldgelb, die Rinde haben die Wellen abgeschält. Ich schaue in den Himmel. Die Sonne sinkt über einer Wolkenbank. Ein Pegasus mit Reiter springt in die Glut. Sechs Pelikane ziehen über den schäumenden Wellen dahin.

Unten sehe ich rotes Wurzelgeflecht im Sand und Strünke von umgeschlagenen Palmen. War vor kurzem Sturmflut? Sie schenkt mir ein Stück Kuchen und sagt: »Nein, das Meer steigt. Drei Hektar Palmenhain sind einfach verschluckt worden. Man hat uns erklärt, dass das jetzt auf der ganzen Welt so ist.«

Steigt das Yin? Im Moment sehe ich überall nur hektische Aktivitäten dort in der Stadt, wo ich arbeite. Sozusagen einen heftigen Überschuss an Yang, würde der alte Chinese wahrscheinlich kopfschüttelnd sagen.

Doppeltes Yin im Yin

Heute ist der dritte Juli, Mutters Geburtstag. Der Himmel ist grau und liegt schwer über dem Meer. Ein doppelter Yin-Tag. Bei den Chinesen ist der Vater männliches Yang, aber ein Sohn ist Yin in Beziehung zum Vater. Dann bin ich als Tochter heute sicher Yin-Yin am Tag von Mutters Geburt. Und das unter einem bedeckten Yin-Himmel – da hat es das Yang des Sommers schwer.

Ich sitze still und höre dem Wind in den Palmen zu. Ein Moment tiefer Freude, einfach so. Ich finde vor dem Haus kleine rosa Blüten an einem einsamen Strauch. Der Regen hat einige in den Sand geworfen. Die hebe ich auf und mache ein kleines Heiligtum, nur für mich allein. Muscheln mit Wasser auf einem flachen Stein mit rosa Blüten. Die Sonne bricht hervor. Auf dem hellen Sand wabern große rote Flecken. Die Krabben laufen auseinander, wenn ich vorbeigehe. Endlich wieder ein wenig Yang.

Das Yang des blauen Krebses

Ich treffe den großen blauen Krebs. Ich jage ihn, er rennt zickzack, hin und her, leichtfüßig, schnell. Dann gibt er auf, bleibt stehen, richtet sich auf, die Zangen in die Luft gestreckt. Mit seinen schwarzen Knopfaugen schaut er mich an. Ich halte eine kleine rosa Muschel hin, da schließt sich die große Schere, und er hängt dran. Es ist ein mutiger kleiner Krebs. Seine Taktik erscheint mir weise: ausweichen, solange es geht – aber wenn nicht, dann eben Attacke.

 

Blauer Krebs

 

Ich renne auf die kleinen Möwen zu, so dass sie auseinanderstieben. Im nassen Sand spiegeln sich die weißen Flügel und das Blau des Himmels mit den kleinen weißen Wolken. Schwarze Fregattvögel segeln über einem blauen Fischerboot, das am Strand liegt. Männer entwirren Netze. Die Fische in der Kiste starren mich mit toten Augen an. Ich kaufe zwei Stück.

Das Yin des Spiels

Mit den Wellen spielen. Dann kleide ich mich grün und blau, ganz Meerjungfrau. Auf dem Weg finde ich blaugrüne schillernde Federn von einem Kolibri, die stecke ich mir ins Haar. Ich trinke tiefroten kalten Wein und esse Fisch, den ich selbst abgeschuppt, ausgenommen und gekocht habe. Es schmeckt mir gut. Zum ersten Mal sehe ich den Mond, schmal und sichelscharf, bevor er im Meer versinkt.

Heute ein sanfter Regen am grauen Morgen. Eine große gelb-orangene Blüte ist abgefallen und liegt im hellen Sand, eine andere blüht am Stängel mit herzförmigen grünen Blättern. Es ist die einzige Blume, der einzige Farbfleck. Ein Kolibri schaut vorbei. Die Schwalbenfamilie ist ruhig wie auch der Wind – die Eltern hocken auf der Dachrinne, schauen in den Regen und fliegen nicht raus.

 

Kolibri sitzt auf einem dünnen Ast

 

Ich schlage mit der Machete ein Loch in die Kokosnuss, es dauert lange, bis es klappt. Ich bin froh, dass ich nur auf die Erde hacke, wenn es daneben geht, und nicht ins Bein. Dann genieße ich die Milch. Das Leben ist einfach.

Golden überschüttet mich die Sonne mit Licht, tief am Horizont spielt sie mit den Wolken. Der Wind ist stark. Der Mond steht heute schon etwas höher und grüßt mich hinter den tanzenden Palmwedeln.

Müdes Yin

Heute, am Sonntag, drückt der Himmel auf das Meer, so dass die Flut gar nicht mehr aufhört. Immer, wenn ich rausgehen will, lauert das Meer gleich vor dem Zaun, und der Regen durchnässt mich. Die Schwalben sind still. Ein alter magerer Gaul trottet müde in der Dämmerung vorüber. Er hat den Kopf gesenkt. Bei jedem Schritt sinkt er tief in den Sand. Bald ist meine Zeit hier zu Ende.

Wieder ein neuer Tag. Die Sonne scheint. Nur eine sanfte Brise lässt die Palmenwedel sanft schwingen. Ein Spiel von Licht und Schatten. Welch silberner Glanz, dort, wo die Sonnenstrahlen direkt auf die Blätter scheinen. Eine Schwalbe macht eine Bruchlandung und sitzt im Rahmen der offenen Küchentür. Sie sitzt und schaut und bewegt sich nicht. Ist es eine der Jungen? Wie kriege ich die wieder ins Nest?

Als ich vorsichtig hingehe, flattert sie, erhebt sich und fliegt pfeilgerade davon, kommt zurück und schafft es nach dem zweiten Anflug, sich auf die Bambusstange unter dem Dach zu setzten. Die andere Schwalbe ist noch im Nest, sie ruft und schreit. Die Mama reagiert nicht, füttert und umhegt den jungen Nestflüchter. Sie bringt ihm eine Mücke, und dann schubst sie ihn von der Stange, damit er wieder eine Runde fliegt.

Der Nesthocker ist aufgeregt, flattert mit den Flügeln, schimpft, dreht und wendet sich, traut sich aber noch nicht loszufliegen. Mama bringt ihm nur noch selten einen Leckerbissen.

Yang-Sonne

Die Abendsonne überschüttet mich mit goldenem Licht. Der große blaue Krebs wartet in Angriffsstellung mit hocherhobenen Scheren auf mich, und greift an, springt richtig hoch. Mein Schatten ist lang, und die Sonne schon so tief, dass der weiße Schaum der auslaufenden Wellen ausgefranste Schattenlinien wirft. Dann versinkt sie im Meer – zum ersten Mal nicht hinter Wolkenbänken, seit ich hier bin. Der Himmel glüht orange, dann dunkelrot.

 

Sonnenuntergang am Meer, orangefarbener Himmel

 

Die Wolken haben Wellenmuster, wie der nasse Sand, davor segeln ein paar dunkle Haufenwolken, links am Himmel. Und in der Mitte ein wattiger Schleier aus einer anderen Wolkenschicht – ach, so viele Rottöne. Das Meer spiegelt das Rot auf bewegtem Wasser. Alles ist weit und unendlich und wunderbar. So viel Schönheit kann ich nur kurz aushalten – es ist überwältigend. Da kündigt sich mein Geliebter an, so viel strahlendes Yang.

Am Saum des Tages, der die Nacht küsst, dort werden wir uns wiedersehen.

Der Yin-Yang-Tag

Heute ist Freitag. Die kleinen Schwalben machen Flugübungen. Es sieht richtig elegant aus, nur beim Landen kommen sie aus dem Gleichgewicht. Wenn Mama füttert, schlagen sie mit den Flügeln und piepsen. Nesthocker, Nestflüchter, Nestbeschmutzer – alles Worte, die sich neu mit Inhalt füllen.

Der große blaubescherte Krebs hat wieder attackiert, als ich vorbeikomme. Er springt wirklich nach vorne, mit erhobenen Scheren, bevor er seitlich davonläuft. Mein Geliebter kommt. Ich stehe vor dem Waschtrog und wasche die Bettlaken mit der Hand. Fege das Haus.

Ein weißes Pferd trabt im Passgang vorbei. Darauf sitzen zwei Kinder. Eines trägt ein schwarzes, das andere ein weißes Hemd. Weit hinten sieht man ein kleines helles Pferd allein durch die Palmen traben. Es hat eine lange Mähne, und der Schweif ist stolz erhoben. Ein Traumbild hat Einlass gefunden in die Wirklichkeit.

Ich fahre mit dem Bötchen über die Meerenge in eine andere Welt. Autos, Restaurants, Touristen. Wir fahren gleich zurück zu meinem einsamen Häuschen, du und ich, mit Gepäck und Gina, unserer sandfarbenen Hündin. Die macht lustige Geräusche, winselt, fiept, kläfft, quietscht und schreit, als sie hinter dem von der Stute gezogenen Wagen im Sand hinter uns herspringt.

 

Das Zeichen von Yin und Yang

Yin tanzt im Yang

Wir sitzen auf der Terrasse, schauen über das Meer und trinken einen Tropfen des guten Feuerwassers. Ich bin ganz still, es ist ja nichts passiert eigentlich. Und mein Liebster hat so viel erlebt in der Stadt.

Da sind wir wieder, Frau und Mann, Yin und Yang, Erde und Feuer, Regen und Sonne.

Als wir uns vereinen, scheint die Sonne schräg in einen glitzernden Vorhang aus leichtem Regen. Vor der schwarzen Wolkenmasse über dem Meer ein kleiner Gruß vom Regenbogen.

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