»Zigarren und Frauen geben mir künstlerische Inspiration«

Ein fiktives Interview mit dem Dichter, Frauenliebhaber und Weltendeuter Bert Brecht

Die Deutschen und ihre Dichter: Das ist ein nicht immer einfaches Verhältnis. Wie sollte es auch anders sein bei einem Volk, das sich gern als Volk der Dichter und Denker bezeichnet. Goethe und Schiller? Auf unzählige Denkmalsockel gestellt und zu Nationalhelden gemacht. Heine und Brecht: erst aus dem Land vertrieben, um dann – spät – doch noch geehrt zu werden. Klassiker sind sie nun alle. Die verpflichtende Lektüre ihrer Texte in der Schule beweist es. Man kommt an ihnen nicht vorbei, wenn man eine höhere Schulbildung in Deutschland erlangen möchte.

Oder vielleicht kommt man doch an ihnen als Person vorbei? Denn die Schulbildung reduziert den Dichter in aller Regel ja auf sein Werk. Das Private, die Person, tritt hinter dem Werk zurück. Das Biographische, den Klatsch und Tratsch, die Alltagsgeschichten des Lebens enthält man den Schülern vor. Höchste Zeit also, hier eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Unserem Autor ist ein bedeutender Fund gelungen. Er hat ein bislang verschollenes Interview mit Brecht ans Tageslicht befördert, das einen Blick auf den Privatmann erlaubt. Das Format des Gesprächs (»22 Fragen an Bert Brecht«) sollte Jahrzehnte später von dem ZEIT-Journalisten Moritz von Uslar als »99 Fragen an …« popularisiert werden.

Das hier abgedruckte Interview wurde im Frühjahr 1956 geführt. Drei Monate vor seinem Tod gab der Dichter Auskunft über sein Leben, seine Zeit und sein Wirken. Dem Wochenmagazin Stern wurde der Text zur Veröffentlichung angeboten. Dieser schlug es jedoch aus. Man befürchtete in der Redaktion in Hamburg, man müsse sonst die deutsche Literaturgeschichte umschreiben. Wir wagen uns nun an die Veröffentlichung.

Hier nun der historische Text mit einigen aktuellen Anmerkungen:


Wir führen das Interview in Ost-Berlin. In der Kantine des Theaters am Schiffbauerdamm sitzt der berühmte Dichter am späten Vormittag allein an einem Ecktisch. Er trägt seinen Proletarier-Kittel, der angeblich maßgeschneidert ist, und raucht eine Zigarre. Die Luft ist zum Schneiden. Aus der Kantinenküche zieht der durchdringende Geruch von gekochtem Kohl und Kartoffeln zu uns rüber.

[bs-quote quote=”Mein Wirken geht über die verengten Begriffe von Zeit und Raum hinaus.” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

1. Herr Brecht, Sie gelten schon zu Lebzeiten als der größte deutsche Dichter und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Zu Recht?

Brecht: Es greift zu kurz, mich auf das 20. Jahrhundert und Deutschland reduzieren zu wollen. Meine dichterischen Leistungen stehen in dem größeren Zusammenhang der Weltliteratur. Mein Wirken geht über Ihre verengten Begriffe von Zeit und Raum hinaus. Der Dichter zeigt uns gleich zu Beginn, wo der Hammer hängt. Nicht Deutschland, nicht das 20. Jahrhundert sind der Vergleichsmaßstab. Es gilt, größer zu denken.

2. Shakespeare, Goethe, Molière?

Brecht: Ja, das sind die Traditionslinien, in denen ich stehe. Obgleich ich diese Traditionen gebrochen, neu erfunden und politisch erst wirksam gemacht habe. Mein episches, erzählerisches Theater hat den klassischen bürgerlichen Bildungsmüll von der Bühne geräumt. Die schale und abgestandene Tradition des 19. Jahrhunderts, diesen ganzen bildungsbürgerlichen Dreck habe ich über Bord geworfen.

[bs-quote quote=”Ich habe das Theater revolutioniert, es zu einer politischen Instanz in den welthistorischen Auseinandersetzungen gemacht.
” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

3. Sie haben das Theater zu einer Lernstätte für das Publikum gemacht, es vom Kopf auf die Füße gestellt …

Brecht: … ich habe es revolutioniert, es zu einer politischen Instanz in den welthistorischen Auseinandersetzungen gemacht. Meine Theaterbühne dient der politischen Erziehung, nicht der schöngeistigen und inhaltslosen Bildung. Hier geht es um Werte, um das politisch Richtige, aber auch um die Grenzen der Menschen, wenn es darauf ankommt, das Richtige und Gute zu tun, da die politischen und gesellschaftlichen Strukturen dem entgegenstehen.

Ich will mit meiner Form des Theaters aufrütteln und verändern, nicht nur das Theater, sondern die Welt, das Politische, das System, die Gesellschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine.

4. Wir befinden uns im Ostteil Berlins, in der Hauptstadt der DDR. Ihr Weg zurück ins Nachkriegsdeutschland hat Sie hierher geführt. War dies eine Konsequenz Ihres Lebens nach der Flucht aus Nazi-Deutschland und der Emigration in die USA?

Brecht: Diese bornierten West-Alliierten ließen mich nicht in ihre Zonen einreisen, nachdem ich aus den USA nach Europa zurückgekehrt war. So landete ich erst einmal in der Schweiz, dieser politischen Puppenstube. Den aus Kalifornien zurückgekehrten Kollegen Thomas Mann hatte es ja auch in die Schweiz verschlagen. Er wollte dort leben, um sich die politischen Querelen Deutschlands vom Hals zu halten, aber dennoch in einem deutschsprachigen Umfeld zu sein.

Die Schweiz, diese Emmentaler-Republik, hat mir ihre Staatsbürgerschaft verweigert.. Wir Dichter brauchen ja ein Publikum, das unsere Sprache spricht und uns versteht. In der Emigration verdorren wir. Ich wäre ja auch durchaus in der Schweiz geblieben, hätte man mir ein ordentliches Theater zur Verfügung gestellt, meine Arbeit angemessen honoriert und mir einen Pass verliehen. Aber diese Emmentaler-Republik hat mir ihre Staatsbürgerschaft verweigert.

Was blieb also? Das klerikale, bigotte Österreich. Oder die DDR mit der Hoffnung, hier die neue sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Österreich, das stilisierte Opferlamm Hitlers, war keine Alternative. Da roch es zu stark nach Nazis und Austrofaschisten, die sich nun ein demokratisches Mäntelchen umgehängt hatten.

5. Aber Sie sind österreichischer Staatsbürger …

Brecht: … das ist eine rein pragmatische Entscheidung. Die Österreicher haben sich ja nicht entblidet, Helene Weigel und mir 1950 für die Arbeiten bei den Salzburger Festspielen ihren Pass anzutragen. Das ist sehr praktisch. Mit dem reist es sich sehr gut. Man entgeht so den Formalitäten und Schikanen der allzu preußischen Bürokratie in der DDR.

Hier hört man ganz unerwartete Töne. Offene Regimeschelte gehörte bislang nicht in das Repertoire des Dichters. Man war eher diplomatische oder auch anbiedernde Töne gewohnt. Hatte Brecht 1953, als die Arbeiter in der DDR in einem Aufstand gegen das System revoltierten, nicht eine Ergebenheitsadresse an den Vorsitzenden des Zentralkomitees der SED, WalterUlbricht, gesandt?

6. Sie fühlen sich im Heimatland des Sozialismus auf deutschem Boden gemaßregelt und schikaniert? Der Sozialist Brecht übt Kritik am sozialistischen Staat? Das ist ein neuer Tonfall.

Brecht: Nein, gar nicht. Ich geh.re zu jenen Personen, die – nicht nur künstlerisch – offene Kritik an den Verhältnissen in der DDR üben. In der Öffentlichkeit gibt es viele Missverständnisse und Lügen über mich. So habe ich im Juni 1953 in einem Brief an Ulbricht die völlig falsche Reaktion der Staatsführung kritisiert, dabei aber die Form der Anrede und Eröffnung so gewählt, das es den kleinbürgerlichen Hirnen der SED-Nomenklatura wie ein wohlmeinendes Schreiben erschien.

Man hat dann im SED-Verlautbarungsorgan, dem »Neuen Deutschland«, nur die paar Zeilen der Anrede veröffentlicht, was aussah, als wenn ich mich dem System anbiedere und seine Gewalttaten gegenüber dem Volk billige. Das war eine große Sauerei, ein billiger Propagandatrick. Diese Verleumdung hat mir das künstlerische Herz gebrochen und lähmt meine Schaffenskraft bis heute. Ich weiss um die manipulativen Techniken der Herrschenden auch in diesem System. Man muss geschickt sein, um sie auszuhebeln. Ich habe dies immer wieder bei den Aufführungen meiner Stücke erlebt. Um die Zensur zu umgehen, muss  man Zwischentöne anschlagen, die das Publikum versteht.

Oder man geht mit den Premieren der Stücke in die Abgeschiedenheit der Provinz, wo die Kulturpolitik und damit auch die Zensur meist von minderbemittelten, äußerst mittelmäßigen Parteifunktionären verwest wird.

[bs-quote quote=”Die Kleinbürger und Spießer bilden die trübe Hefe der Gesellschaft.” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

Leider haben wir im neuen sozialistischen Staat eine überfülle politischen Mittelmaßes. Der Kleinbürger hat sich auch hier in das politische und Parteileben eingenistet, und zwar bis an die Staatsspitze. Da herrscht überwiegend eine geistlose Gruppe von Funktionären der Macht.

Ihr Machtwille wurde durch die Verfolgung nach 1933 und in der Emigration durch den Druck in der Sowjetunion Stalins gestählt. Der Kleinbürger Genosse Ulbricht ist dafür exemplarisch. Ach ja, die Kleinbürger: Ich neige in Altersresignation schon fast dazu, sie für systemstabilisierend zu halten, ob nun im Westen oder Osten des Landes.

Die Kleinbürger und Spießer durchdringen und verwandeln – Gott sei es geklagt – als Triebmittel der Gesellschaft fast alles. Diesen Typus Mensch gilt es zu erziehen und wachzurütteln, wenn man Änderungen herbeiführen will. Mein Theater wendet sich an sie. Die Arbeiter und Bauern, offiziell die Basis unseres sozialistischen Staates, treten leider noch viel zu häufig im Kostüm der Klein- und Spießbürger auf.

Manchmal hat man den Verdacht, das Kleinbürger-Idyll in der Gartenlaube sei ihre politische Utopie. Da hängt in der deutschen Seele noch der Muff des Biedermeiers. Und darüber hinaus haben die jüngsten Erfahrungen des »Dritten Reiches« die politische Kultur zerstört. Die Nazis haben uns nicht nur Leichenberge, sondern auch einen politischen Friedhof hinterlassen.

Bertold Brecht, Briefmarke DDR
Briefmarkenblock der DDR (1988) zum 90. GeburtstagHier und das Aufmacherbild: Briefmarkenblock der DDR (1988) zum 90. Geburtstag. Quelle: Wikipedia.

 

Die DDR als Bühne der Kleinbürger? Wir haben es uns ja schon immer gedacht. In der DDR hatte sich das Autoritäre mit dem Mittelmaß verbündet, um den Stillstand zu verwalten. Der Dichter bringt es ungeschminkt auf den Punkt.

7. Sie haben Nazi-Deutschland einen Tag nach dem Reichstagsbrand, am 28. Januar 1933, verlassen, um erst in Prag, dann in Wien, Zürich und Skandinavien zu leben, bevor Sie ein Visum für die USA erhielten. Andere Dichter sind geblieben, haben sich dem Regime angebiedert oder sind in die innere Emigration gegangen. Warum war Ihre einzige Alternative der Weg ins Ausland?

Brecht: Ich stand mit meinen Theaterstücken schon in den 20er Jahren auf der schwarzen Liste der Nazis. Es kam vor 1933 immer wieder zu Zwischenfällen und Störaktionen bei Aufführungen meiner Werke. In der Nazi-Presse wurde ich als einer der Asphalt- und Schund-Literatengeschmäht. Dass es unter den Bedingungen einer faschistischen Diktatur keine Arbeitsmöglichkeiten für mich mehr geben würde, war offensichtlich.

Konsequenterweise wurden meine Bücher ja auch am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin verbrannt. Da befand sich mein Werk in guter Gesellschaft: Karl Marx, Alfred Döblin, Heinrich und Thomas Mann, Sigmund Freud, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Franz Werfel und so weiter und so fort. Die Liste ist ein Who’s who der deutschen Literatur. Die Bücherverbrennung war eine von Dr. Hinkefu.

Bertolt Brecht
Friedenskundgebung des Kulturbundes am 24.10.1948 in der Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) in Berlin.
Unter dem Motto »Verteidigung des Friedens ist Verteidigung der Kultur« treten namhafte Vertreter der Kultur- und Geistesschaffende auf und fordern, dem Krieg den Kampf anzusagen, damit der Frieden Wirklichkeit wird.
U.B.z.: v.l.n.r.: Julius Hay, Bert Brecht, Ernst Legal, Alexander Abusch. © Von Bundesarchiv, Bild 183-H0611-0500-001 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

 

Göbbels glänzend orchestrierte Propagandaaktion. Vis-à-vis der Berliner Universität waren sich die Studenten nicht zu fein, den gedruckten Geist Deutschlands in einer heidnischen Zeremonie mit lautem Gegröle und Freudentänzen dem Feuer zu übergeben. Als Alternative zum Exil hätte es für mich einen lngeren Aufenthalt im Konzentrationslager gegeben, in dem ich dann wohl umgebrachtworden wäre. Danke schön! Solch ein Schicksal, wie es den Kollegen Ossietzky und viele andere ereilt hat, ist mir durch das Exil zum Glück erspart geblieben.

Die innere Emigration war kein Ausweg. Diese Schein-Exilanten wie Erich Kästner, Hans Fallada oder Gottfried Benn sind doch fast alle kleinere oder grössere schmutzige Kompromisse eingegangen, um weiter publizieren zu können, sofern sie sich nicht gleich den Nazis angedient haben.

[bs-quote quote=”In der deutschen Seele hängt noch der Muff des Biedermeiers.” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

8. Ihr Exil in den USA endete abrupt im Oktober 1947?

Brecht: Ja, es war kein Platz mehr für uns europäische Linke in den von Kommunistenfurcht und -hatz besessenen USA. Man hatte uns ja teils schon im Krieg alsfeindliche Ausländer interniert. Wir standen als Deutsche unter Generalverdacht, mögliche Sympathisanten Nazi-Deutschlands zu sein. Es ging uns wie den Japanern im Land, die man auch aufgrund ihrer Herkunft einfach in Lager sperrte. Das war einer Demokratie unwürdig.

Aber ich habe ohnehin meine Zweifel daran, wie demokratisch die Vereinigten Staaten heute noch sind. Menschen mit abweichenden Meinungen werden verfolgt und der Inquisition ausgesetzt. Die schwarze Bevölkerung des Landes wird durch die Rassisten im Land unterdrückt und ausgebeutet. Die Verfolgung angeblicher Kommunisten seit Ende des Krieges ist eine Schande für das Land. Senator McCarthy löste mit seinem Verfolgungswahn eine kollektive Paranoia aus, die zur Einrichtung des Ausschusses für unamerikanische Umtriebe führte.

[bs-quote quote=”Am 30. Oktober 1947 lud man mich vor diesen Ausschuss der Schande. Einen Tag später verliess ich das Land. Den Stempel »undeutsch«hatte ich mir ja schon bei den Nazis verdient. Jetzt konnte ich auch mit dem Ehrentitel »unamerikanisch« renommieren.” style=”style-17″ align=”center”][/bs-quote]

9. Wie hat Sie das Exil in den USA geprägt?

Brecht: Es hat mich zum Europ.er gemacht. Die USA sind für mich ein sehr fremdes Land. Der Kapitalismus und die tägliche Hetze nach dem eigenen wirtschaftlichen Erfolg bestimmt dort das Leben der Menschen von früh bis spät.

Der europäische Sinn für Kultur und intellektuelle Tiefe fehlen, obgleich sich mit der Filmindustrie im Westen des Landes eine überaus erfolgreiche neue Massenkultur herausbildet. Ein Kultur- und Theatermensch wie ich steht dort auf verlorenem Posten. Die deutschen Exilanten fristeten überwiegend eine karge Existenz. Wir waren von den Mitteln zum Broterwerb abgeschnitten. Kaum einer von uns sprach gutes Englisch. An Übersetzungen unserer Arbeiten war in der Regel nicht zu denken. Es gab jedoch einige Ausnahmen wie meinen Freund Lion Feuchtwanger oder Thomas Mann, die von ihrem Ruhm und Geld auch in der Fremde zehren konnten. Als Nobelpreisträger hatte man es eben leichter.

Der Dichter hält sich recht bedeckt. Die massiven Konflikte, Streitigkeiten und Eifersüchteleien unter den deutschen Exilanten in Kalifornien sind offensichtlich eine schwärende Wunde. Und den Nobelpreis für Thomas Mann hätte man sicher leichter ertragen, wenn man auch selbst ausgezeichnet worden wäre.

10. Der letzte Literatur-Nobelpreis an einen deutschsprachigen Schriftsteller wurde vor knapp 10 Jahren 1946 an Hermann Hesse vergeben …

Brecht: … was ein großer Fehler war. Seine süßlich-schwülstigen Jugendgeschichten kann man nur ertragen, solange man in der Pubertät ist. Als Lyriker hat er hie und da seine Verdienste. Es gibt aber verdienstvollere deutschsprachige Literatur, die preiswürdig ist. Seit dem Kriegsende gingen alle Nobelpreise für Literatur in den kapitalistischen Westen. Das Nobelpreiskomitee in Stockholm macht sich so zum Handlanger der Kalten Krieger des Westens. Gibt es etwa keine große Prosa, keine bedeutenden Dramen, keine imposante Lyrik in den sozialistischen Ländern?

11. Wer wäre ihr Kandidat aus dem Osten?

Brecht: Anna Achmatova oder Boris Pasternak, zwei der besten lebenden Lyriker russischer Sprache.

In aller Bescheidenheit nennt der Dichterfürst nun doch nicht sich selbst. Pasternak wurde dann tatsächlich zwei Jahre später, im Jahr 1958, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

12. Ihr lyrisches und dramatisches Schreiben begann schon in jungen Jahren in Ihrer Geburtsstadt Augsburg. Erste Inszenierungen und Erfolge auf dem Theater gab es in den Münchner Kammerspielen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Was prägte den Aufbruch dieser Zeit?

Brecht: Die Zeit nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der Monarchie war eine Zeit von Unsicherheit und Aufbruch. Wir Jungen waren auf der Suche nach etwas Neuem. Wir wollten das Alte zertrümmern. Die verstaubte Welt der Väter hatte in die Katastrophe und zum Untergang der überlieferten Welt geführt. Wir selbst waren noch in diesem Geist erzogen worden und hatten ihn während des Kriegs auch noch inhaliert.

13. Ihr großer Erfolg kam nach dem Ersten Weltkrieg aber erst in Berlin?

Brecht: Die 20er Jahre in Berlin waren für die Durchsetzung der modernen Kunst und die Revolutionierung des Theaters zentral. In der Stadt waren die politischen und sozialen Konflikte der Zeit mit Händen greifbar. Eine Krise jagte die nächste. Es gab einen unersättlichen Hunger auf Neues in der Kultur. Die Theater waren trotz angespannter Wirtschaftslage stets voll. Die Zeitungen feierten oder verrissen unsere Arbeit. Wir konnten uns nicht über Nicht-Beachtung beklagen.

14. Was bedeutete der Aufbruch der 20er Jahre politisch für Sie?

Brecht: Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hat mich zu einem politischen Menschen, zu einem Linken, zu einem Sympathisanten des Kommunismus gemacht, ohne dass ich jemals Mitglied einer kommunistischen Partei wurde. Der künstlerische Aufbruch war ein politisch linker Aufbruch. Die Rechte hatte keinen künstlerischen Esprit. Sie war erst von Revisionismus und dumpfem völkischen Geist getränkt, dann vom Ungeist und der Brutalität der Nazis. Dieser Ungeist beherrschte zunehmend die Straße, dann auch einen Teil der Presse.

15. Woher nehmen Sie Ihre künstlerischen Anregungen und Ideen?

Brecht: Die Arbeit an Stücken und Inszenierungen ist immer eine Arbeit in der Gruppe. Es fließen immer auch die Ideen und Anregungen anderer in meine eigene Arbeit ein. Es ist eine Arbeit im Kollektiv, bei dem aber das Genie im Mittelpunkt steht.

Das Genie, so zeigte sich später, pflegte einen überaus großzügigen Umgang mit den Ideen und Texten anderer Personen, insbesondere seiner weiblichen Mitarbeiter. Deren künstlerische und oft auch sexuelle Abhängigkeit von Brecht nahm durchaus ausbeuterische Formen an.

16. Welches ist Ihr Lieblingsbuch?

Brecht: Sie werden lachen, die Bibel. Sie ist auch für einen Atheisten ein sehr anregendes Buch. Als 18-jähriger notierte ich in meinem Tagebuch: »Ich lese die Bibel, ich lese sie laut, kapitelweise, aber ohne auszusetzen, Hiob und die Könige. Sie ist unvergleichlich schön, stark, aber ein böses Buch«. Die Bibel vereint die großen Konflikte und Motive der Weltliteratur, sie bietet einem Dichter über und über literarische Stoffe.

17. Ihr Lieblingsgedicht aus eigener Feder?

Brecht: ..ber die Verführung von Engeln., das ich 1948 schrieb. Mit seiner pornographisch-blasphemischen Schärfe wird es einen Kulturschock unter den Bildungsspießern auslösen. Das Gedicht darf aber erst nach meinem Tod veröffentlicht werden. Sie müssen sich also noch eine Weile gedulden.

Die Geduld wurde nicht überstrapaziert. Vier Monate nach diesem Interview starb Bert Brecht im August 1956. Das provokative Gedicht »Über die Verführung von Engeln« hatte Brecht im Scherz mit »Thomas Mann« unterzeichnet, um Manns Verheimlichung seiner Homosexualität und dessen angestaubte konservative Bürgerlichkeit zu kritisieren.

18. Ihr Lieblingsstück aus eigener Feder?

Brecht: Die »Dreigroschenoper«, nicht zuletzt wegen der Musik meines Freundes Kurt Weill. Er hat das Stück mit seiner Musik geadelt und zu einem Welterfolg gemacht. Es war das erfolgreichste Bühnenstück in Deutschland vor 1933, mit vier Tausend Aufführungen allein in der Theatersaison 1928/29.

Der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti, ein BewundererBrechts, schrieb sp.täer über diesen Erfolg: »Es war eine raffinierte Aufführung, kalt berechnet. Es war der genaueste Ausdruck dieses Berlin. Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral, besser hätte es keiner von ihnen sagen können. Das nahmen sie wörtlich.«

19. Ihre Lieblingszigarre?

Brecht: Das wechselt zwischen guten kubanischen Produkten und erlesenen Brasil-Zigarren. Ich lasse mich bei der Auswahl von dem Traditionsgeschäft Zigarren Junghans in der Chausseestraße 129 in Berlin inspirieren. Zigarren haben übrigens – gut marxistisch gedacht – sowohl einen guten Gebrauchs- als auch einen hohen Tauschwert. Der Gebrauchswert liegt auf der Hand oder besser: auf der Zunge und im Rachen. Für mich ergibt sich aber ein ganz praktischer Tauschwert aus der Tatsache, dass ich Zugang zu guten Zigarren habe. Mein Nachbar in Berlin-Weißensee, Jürgen Kuczinsky, ein bedeutender Wirtschaftshistoriker, der aus der englischen Emigration zurückkam, hat eine vorzügliche Sammlung von Kriminalromanen. Das Tauschgeschäft Zigarre gegen Krimi blüht zwischen uns beiden.

Es geht aber das Gerücht, Brecht habe sich die Zigarren schenken lassen oder nur ein billiges Kraut geraucht, wenn er selbst dafür hat zahlen müssen.

20. Ihre schönste Geliebte?

Brecht: Melpomene und Thalia, die Musen der Tragödie und der Komödie.

21. Wer sind Ihre Alltagsmusen?

Brecht: Junge, schöne Frauen mit einem klugen Kopf. Und die Zigarre. Das Rauchen setzt die Phantasie in Gang. Frauen und Zigarren sind meine Drogen. Zigarren und Frauen geben mir künstlerische Inspiration.

Sehr diplomatisch formuliert, das mit der künstlerischen Inspiration.Die Affäräen des Dichters sind Legion. Die Theorie Freuds,dass Kunst die Sublimation verdränägter sexueller Energie sei, trgt nicht für Brecht. Mannes- und Schaffenskraft vereinigten sich in seiner Person konfliktlos.

22. Was ist Ihre Prognose für das Jahr 2000?

Brecht: Der Kapitalismus und die Teilung Europas werden überwunden sein. Mit einer gerechten politischen und wirtschaftlichen Ordnung auf sozialistischer Basis werden die grundlegenden Probleme der Menschheit wie Hunger, Armut, Ungerechtigkeit gelöst sein. Das Theater wird sich im neuen Jahrtausend frei und voll als Ort des Spiels und der Lust entfalten können. Das epische Theater wird seine Funktion dann erfüllt haben. Es wird keine gesellschaftliche Aufgabe mehr haben.

Mein 100. Geburtstag, der zwei Jahre zuvor begangen worden sein wird, wird dann hoffentlich noch in frischer Erinnerung sein.

 

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